29.12.2023

Wie einsam sind unsere Kinder?

Universität Witten/Herdecke bringt erstes deutsches Messinstrument für Einsamkeit bei Kindern und Jugendlichen heraus

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„Die dünne Datenlage zum Thema ‚Einsamkeit bei Kindern‘ in Deutschland ist erschreckend“, sagt Prof. Dr. Susanne Bücker. An der Universität Witten/Herdecke (UW/H) forscht die Psychologin zu Einsamkeit im Laufe des Lebens. In ihrer aktuellen Studie konzentriert sie sich auf Kinder und Jugendliche zwischen 9 und 15 Jahren – eine besonders vulnerable Altersgruppe, die jedoch in der Einsamkeitsforschung bisher kaum bis gar keine Beachtung gefunden hat. Prof. Bücker: „Hier hinkt Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern deutlich hinterher. Es braucht valide, zielgruppengerechte Messinstrumente und ein engmaschiges Monitoring über einen längeren Zeitraum, um zu erheben, inwiefern bereits Kinder Einsamkeit erleben, welche Risikofaktoren diese begünstigen und welche gesundheitlichen Folgen das Gefühl haben kann.“

Ein Fragebogen von Kindern für Kinder
Genau hier setzt die Arbeit der Wissenschaftlerin an. Gemeinsam mit ihrem Team hat Prof. Dr. Susanne Bücker erstmalig in Deutschland ein Messinstrument entwickelt, das speziell auf Kinder zugeschnitten ist. Zum Einsatz kommt ein Fragebogen, der die jungen Studienteilnehmenden in ihrer Lebensrealität abholt und sich eines kindgerechten Wortschatzes bedient. Um diesen Fragebogen passgenau zu entwerfen, haben die Forscher:innen qualitative Interviews mit Kindern als „Expert:innen“ geführt und Probedurchgänge innerhalb der Zielgruppe gemacht. Denn selbst jüngst veröffentlichte Studien, die das Einsamkeitserleben bei älteren Jugendlichen untersuchten, nutzten bisher die gleichen wissenschaftlichen Methoden wie für Erwachsene, so die Wissenschaftlerin. Es habe sich jedoch gezeigt, dass viele der dort verwendeten Begriffe, wie etwa das Wort „isoliert“, für Kinder nicht greifbar sind. „Diese Barrieren haben wir nun abgebaut und die Sprache angepasst, um Kindern selbst im frühen Lesealter eine selbstständige Teilnahme an der Untersuchung zu ermöglichen. Unser Ziel ist es, den von uns entwickelten Fragebogen deutschlandweit als Messinstrument in der Einsamkeitsforschung zu etablieren“, erklärt Prof. Bücker.

Frühzeitige Prävention ist entscheidend
Neben den persönlichen Empfindungen erhebt die Studie Informationen zu Charaktereigenschaften, dem allgemeinen Gesundheitszustand sowie zum sozioökomischen Hintergrund der Kinder und Jugendlichen, um mögliche Zusammenhänge aufzudecken. Darüber hinaus werden Eltern und sorgeberechtigte Personen befragt, ob sie Anzeichen für Einsamkeit bei ihren Kindern wahrnehmen. „Das Gefühl allein zu sein, ist sehr subjektiv und für Außenstehende manchmal nicht nachvollziehbar“, berichtet Prof. Bücker und fährt fort: „Von Untersuchungen bei Erwachsenen wissen wir jedoch, dass chronische Einsamkeit zu psychischen und auch körperlichen Erkrankungen führen kann.“ Ein weiteres Ziel der Studie ist es daher, die gewonnenen Erkenntnisse für eine gezielte Interventions- und Präventionsarbeit zur Verfügung zu stellen, damit sich Symptome im frühkindlichen Alter nicht dauerhaft manifestieren. Wichtige Werkzeuge seien an dieser Stelle u. a. Schulungen für Eltern oder andere Fürsorgepersonen sowie die Einbindung von (Ganztags-) Schulen, damit Warnsignale frühzeitig erkannt und Themen, wie Einsamkeit und die Pflege von sozialen Bindungen im Alltag der Kinder vermittelt werden können.

Studienteilnehmende gesucht
Die wissenschaftliche Erhebung an der UW/H ist zunächst für einen Zeitraum von fünf Monaten – von Dezember 2023 bis April 2024 – angesetzt. Für die deutschlandweite Einsamkeitsstudie werden aktuell noch interessierte Teilnehmende, Eltern mit Kindern, gesucht. Die Teilnahme erfolgt über einen digitalen Fragebogen, der am eigenen Computer oder mobilen Endgerät ausgefüllt werden kann. Die Verarbeitung der Daten unterliegt dem Datenschutz und Ergebnisse werden ausschließlich anonymisiert veröffentlicht. Im Anschluss an die Online-Phase erfolgt ein weiterer Befragungsdurchgang in Präsenz, der an Schulen durchgeführt werden soll, um weitere Proband:innen zu gewinnen.

Weitere Informationen: Weitere Informationen und Hinweise zur Teilnahme finden Sie auf der Website der Online-Studie: https://formr.uni-wh.de/PEERENT

Ein Service des deutschen Präventionstages.
www.praeventionstag.de

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