DPT-Zwischenrufe

In der aktuellen Krise stellen sich auch in der Gewalt- und Kriminalprävention drängende Fragen. Der Deutsche Präventionstag bietet mit den DPT-Zwischenrufen prominenten Fachvertreter*innen eine Stimme. Die Audioaufzeichnungen der von Erich Marks geführten Expertengespräche können Sie auf dieser Seite abrufen.

Prof. Dr. Ulrich Wagner

7. Zwischenruf: 30. März 2020

Erich Marks im Gespräch mit Prof. Dr. Ulrich Wagner
"Der Umgang mit der Corona Pandemie als Präventionsarbeit"

Heute ist Montag, der 30. März 2020. Ich bin Erich Marks und als Geschäftsführer des Deutschen Präventionstages freue ich mich über ihr Interesse an unseren Zwischenrufen zur Prävention in Zeiten der Corona-Epidemie und von COVID-19.

Zum heutigen Zwischenruf begrüße ich am Telefon Professor Dr. Ulrich Wagner. Herr Wagner war bis 2017 Inhaber der Professur für Sozialpsychologie an der Philipps-Universität Marburg. Er beschäftigt sich mit Intergruppenkonflikten und Gewaltprävention sowie der Evaluation von Interventionsmaßnahmen und berät verschiedene Präventionsprojekte.

Herr Wagner, ich begrüße Sie herzlich und darf Sie zunächst fragen, welche Präventionsaspekte ihnen aktuell besonders wichtig erscheinen.

Die gegenwärtige Krise berührt uns alle in unserem Alltag eindrucksvoll. Als Bürger und Wissenschaftler, der sich mit Prävention beschäftigt, begleitet man den politischen und medialen Umgang mit der Krise natürlich auch neugierig und kritisch.

Der politische Umgang mit Corona ist in weiten Bereichen Präventionsarbeit, indem man versucht, der weiten und unkontrollierten Ausbreitung der Krankheit vorzubeugen. Einige Dinge fallen dabei auf, aus denen wir auch in anderen Bereichen der Prävention lernen können.

Was ist das zentrale Anliegen Ihres heutigen Zwischenrufes?

Erstens, Prävention braucht präzise und nachvollziehbare Verhaltensanweisungen. Das ist in der Kommunikation in Zusammenhang mit Corona allerdings noch verbesserungsfähig. Politik und Medien sprechen austauschbar von Ausgangssperre, Ausgangsverbot, Quarantäne, zu Hause bleiben, usw. Auch kursierte immer wieder der unsinnige Aufruf, soziale Kontakte zu meiden. Die Botschaft ist doch eigentlich einfach: 1.5 Meter physischen Abstand zu Menschen, die nicht zum eigenen Haushalt gehören, und Orte, an denen das nicht möglich ist, sind zu meiden. Eine solche Abstandsregelung ist nachvollziehbar, umsetzbar und ordnungsrechtlich durchzusetzen.

Zweitens, Prävention braucht eine wissenschaftliche Basis. Prävention hat besondere Aussichten auf Erfolg, wenn sie mit empirisch gut abgesicherten Theorien begründet werden kann, die z.B. sagen, wenn ich heute physischen Abstand wahre, kann ich wissenschaftlich fundiert annehmen, dass das die Ausbreitung des Virus verlangsamen wird. Im Umgang mit der Corona-Krise scheint mir dieses Prinzip der Orientierung an der Wissenschaft, speziell der Epidemiologie, im Grundsatz vorbildlich. Allerdings sehe ich in diesem Zusammenhang auch z.T. fatale Schwächen.

Eine der Schwächen ist - und das ist mein dritter Punkt - dass die Voraussetzungen für eine notwendige Prozessevaluation nicht geschaffen wurden. Präventiv zu intervenieren mit dem Ziel, ein Übel wie die Corona-Pandemie einzudämmen, setzt voraus, dass möglichst zeitnah kontrollierbar ist, ob die eingesetzte Maßnahme, also die Abstandsregelung, wirklich erfolgreich ist und die Zahl der Neuinfektionen tatsächlich reduziert. Wie wir jetzt erfahren müssen, sind solche Formen der Prozess- und Effektevaluation gegenwärtig nur sehr eingeschränkt möglich, weil es an hinreichend zuverlässigen Indikatoren fehlt: Die Zahl der Neuerkrankungen wird nicht systematisch erfasst; viele Menschen haben das Virus vermutlich schon überstanden, ohne davon zu wissen, und selbst aktuell wird die Empfehlung ausgesprochen, bei leichten Krankheitssymptomen in die häusliche Quarantäne zu gehen, ohne dass das Vorliegen von Corona medizinisch zuverlässig festgestellt wird. Das kann man unter dem gegenwärtigen Situationsdruck pragmatisch für nachvollziehbar halten, für eine effektive Steuerung von Maßnahmen ist ein solcher Blindflug sehr problematisch.

Einen vierten Punkt möchte ich unter Präventions- und Evaluationsaspekten noch ansprechen: Das ist die Beachtung unintendierter Nebeneffekte. Jede Intervention wie die Abstandsregelung muss nicht nur darauf hin überprüft werden, ob sie wirkt, also die Infektionsraten senkt, sondern auch daraufhin, ob sie Effekte nach sich zieht, die unerwünscht oder gar gefährlich sind. Die gegenwärtigen Maßnahmen zur Eindämmung von Neuinfektionen sind erfreulicherweise in starkem Maße von epidemiologischen Erkenntnissen geprägt, das Problem ist allerdings die Einengung der Perspektive. Neben epidemiologischen Theorien kommen bestenfalls noch wirtschaftswissenschaftliche Überlegungen für die Ausgestaltung von Maßnahmen gegen Corona ins Spiel. Psychologische und sozialwissenschaftliche Erkenntnisse bleiben weitgehend unberücksichtigt. Dabei wissen die Psychologie und die Sozialwissenschaften, dass dauerhafte physische Isolierung gefährliche individuelle und soziale Nebeneffekte nach sich zieht, wie Vereinsamung, Depressionen, Verzweiflung, Widerstand, Panik und Gewalt. Und solche Effekte beeinträchtigen unterschiedliche Teile der Bevölkerung in unterschiedlichem Maße, wie z.B. Kinder, die in ihrem Bewegungsdrang eingeschränkt werden, und alte Menschen, z.B. in Altenheimen. Auch das sind Gesichtspunkte, die bei der Frage der Etablierung und der angemessenen Dauer der Beschränkung von physischen Kontakten mit einbezogen werden müssen.

Abschließend wäre ich Ihnen noch dankbar für eine kurze zusammenfassende Aussage zu Ihrem heutigen Zwischenruf.

Das Abwägen von positiven und negativen Konsequenzen einer präventiven Intervention wie der Abstandsregelung ist nicht mit mathematischen Durchschnittsmodellen möglich, das ist eine Wertentscheidung. Die Verantwortung für die Abwägung liegt deshalb auch nicht in der Wissenschaft, sondern in der Politik, die die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus der Epidemiologie und auch aus der Psychologie sorgfältig zur Kenntnis nehmen und auf dieser Basis dann entscheiden muss.

Insgesamt komme ich zu dem Schluss, dass der gegenwärtige Umgang mit der Corona-Krise durchaus viele positive Aspekte einer evidenzbasierten Politik aufweist. Gleichzeitig muss man aber auch feststellen, dass es durchaus noch Schwächen in der Kommunikation, der Datenbasis und der Breite der Perspektive bei der Abschätzung der Effizienz von Maßnahmen gibt, die dringend und umgehend ausgeglichen werden müssen.

Herr Professor Wagner, haben Sie herzlichen Dank für Ihren Präventions-Zwischenruf und bleiben Sie gesund.

Kontakt:
wagner1@uni-marburg.de

Neuerscheinungen
P. Hagenaars, M. Plavsic, N. Sveaass, U. Wagner, & T. Wainwright (2020 April). Human Rights education for psychologists. Routledge: London.

Wagner, U., Tachtsoglou, S., Kotzur, P.F., Friehs, M.T., & Kemmesies, U. (2020 June). Proportion of foreigners negatively predicts the prevalence of xenophobic hate crimes within German districts. Social Psychology Quarterly.

Wagner, U., Friehs, M.T., & Kotzur, P.F. (2020 im Druck). Das Bild der Polizei bei jungen Studierenden. Polizei und Wissenschaft.

 

Prof. Dr. Hans-Gerd Jaschke

6. Zwischenruf: 26. März 2020

Erich Marks im Gespräch mit Prof. Dr. Hans-Gerd Jaschke
„Es gilt auch zu überlegen, wie einer dauerhaften Schwächung der Demokratie begegnet werden kann“

Heute ist Donnerstag, der 26. März 2020. Ich bin Erich Marks und als Geschäftsführer des Deutschen Präventionstages freue ich mich über ihr Interesse an unseren Zwischenrufen zur Prävention in Zeiten der Corona-Epidemie und von COVID-19.
Zum heutigen Zwischenruf begrüße ich am Telefon Professor Dr. Hans-Gerd Jaschke. Herr Jaschke ist Politikwissenschaftler, ausgewiesener Forscher und Autor zu verschiedenen Themen der inneren Sicherheit und berät unter anderem das Bundeskriminalamt in Extremismusfragen.

Herr Jaschke, ich begrüße Sie herzlich und darf Sie zunächst fragen, welche Präventionsaspekte ihnen aktuell besonders wichtig erscheinen.

Nun, vor dem Hintergrund der Corona-Krise schaut alle Welt auf medizinische Versorgung, den Wirtschaftseinbruch und die Möglichkeiten der Politik, auf diesen Feldern gegenzusteuern. Das ist auch notwendig und richtig. Dabei wird ein Aspekt aber häufig übersehen, nämlich die Krise der Demokratie. Sie wird überdeckt vom Tatendrang von Politikern, die sich als Krisenmanager betätigen und, unterstützt von der Expertokratie der Virologen, den Ausnahmezustand beschwören.

Und worin besteht die „Krise der Demokratie“?

In der Stunde der Exekutive sind Grundrechte wie Bewegungsfreiheit, Religionsfreiheit und Versammlungsfreiheit eingeschränkt oder gar aufgehoben worden. Das Parlament nickt Gesetze innerhalb weniger Stunden oder Tage ab, eine parlamentarische Opposition scheint es kaum noch zu geben. Das alles mag berechtigt sein aus Gründen der Effektivität zur Bekämpfung des Corona-Virus. Aber es ist auch Ausdruck einer nicht mehr stabilen Demokratie. Das kann zu fatalen Konsequenzen führen. Rechtsextremistische gewaltbereite Gruppen beispielsweise könnten durch eine Anschlagserie die – aus ihrer Sicht - Gunst der Stunde nutzen und weiter destabilisieren bei ihrem Bemühen, die Demokratie loszuwerden. Eine andere Konsequenz könnte darin bestehen, auch nach der Corona-Krise die Exekutive zu stärken und die Grundrechte zu beschneiden aus Gründen eines effektiven und schnelleren Durchregierens in Krisenzeiten. Das alles sind Alarmzeichen!

Was ist das zentrale Anliegen Ihres heutigen Zwischenrufes?

Natürlich hat die Bekämpfung des Virus und die Milderung der wirtschaftlichen Folgen höchste Priorität. Aber es gilt auch zu überlegen, wie einer dauerhaften Schwächung der Demokratie begegnet werden kann. Es ist nicht nur wichtig, auf Grundrechte und Gewaltenteilung zu bestehen, es geht auch darum, aus der Zivilgesellschaft heraus die Demokratie zu schützen, denn sie steht seit einigen Jahren unter erheblichem Druck. Rechtspopulistische Bewegungen arbeiten weltweit und ohne größere Widerstände in der Bevölkerung schon länger daran, Demokratien in Autokratien zu verwandeln – siehe Ungarn, Polen, die USA oder Brasilien. Der hohe Wert von Grundrechten, Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung und Verantwortlichkeit der Regierung muss daher mehr und dauerhafter auf der Tagesordnung stehen. Hier ist politische Bildung ein zentraler Schlüssel für Prävention und Intervention. Voraussetzung einer gelebten Demokratie, die sich nicht nur als „Schönwetterdemokratie“ in krisenarmen Zeiten präsentiert, ist das Engagement der Bürger für ihre Werte und das kann durch politische Bildung besser auf den Weg gebracht werden.

Abschließend bitte ich sie um eine kurze zusammenfassende Aussage zu Ihrem heutigen Anliegen.

Die Corona-Krise hat nicht nur gesundheitliche und wirtschaftliche Aspekte. Zu den Herausforderungen gehört auch, die Krise der Demokratie realistisch zu erkennen: Grundrechte und Gewaltenteilung sind bedroht, rechtspopulistische und rechtsterroristische Kreise könnten sich dies zunutze machen. Gefragt ist politische Bildung als präventives Instrument zur Stärkung von Demokratie und Zivilgesellschaft.

Kontakt:
hans.jaschke@hwr-berlin.de

Neuerscheinung:
Politischer Extremismus,
überarbeitete, aktualisierte und erweiterte Auflage (Erstauflage 2006),
erscheint im Herbst 2020 im VS-Verlag, Wiesbaden.

 

Prof. Dr. Rita Haverkamp

5. Zwischenruf: 24. März 2020

Erich Marks im Gespräch mit Prof. Dr. Rita Haverkamp
„Kontaktverbote - was sie für Jugendliche und marginalisierte Gruppen bedeuten“

Heute ist Dienstag, der 24. März 2020. Ich bin Erich Marks und als Geschäftsführer des Deutschen Präventionstages freue ich mich über Ihr Interesse an unseren Zwischenrufen zur Prävention.

Zum heutigen Zwischenruf begrüße ich am Telefon Frau Prof. Dr. Rita Haverkamp. Frau Haverkamp ist Juristin und Kriminologin und hat seit Oktober 2013 die deutschlandweit einzige Stiftungsprofessur für Kriminalprävention und Risikomanagement an der Universität Tübingen inne.

Frau Haverkamp, ich begrüße Sie herzlich und darf Sie zunächst fragen, welche Präventionsaspekte Ihnen aktuell besonders wichtig erscheinen?
Der Umgang mit dem Coronavirus hat uns im Griff. Als gesundheitliche Präventionsmaßnahme ist „soziale Distanzierung“ das Schlagwort der Stunde. Der politische Aufruf hierzu kam in der letzten Woche bei wunderbarem Frühlingswetter in den Köpfen einiger Menschen nicht an. Sie genossen die Zeit draußen und rückten vor Cafés und Restaurants zusammen. Der empfohlene Sicherheitsabstand von 1,5 Metern wurde nicht eingehalten. Jugendliche in Freiburg fielen negativ mit sogenannten Coronaparties auf, Jugendliche woanders gingen offensiv auf Passantinnen und Passanten zu und erschreckten diese laut mit „Coronavirus“. Daraufhin warfen ihnen namhafte Persönlichkeiten aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen, wie auch Politik und Medien, Egoismus vor. Aber handelt es sich tatsächlich um Egoismus? Die kriminologische Forschung weiß schon lange, dass junge Menschen bis etwa 21 Jahren vielfach mit sich selbst beschäftigt sind und in einer Phase der Rebellion stecken. Sozial deviante Verhaltensweisen kennzeichnen die Pubertät der meisten. Diese schwierige Phase macht den „vernünftigen“ Erwachsenen seit alters her zu schaffen. Die Jugend, auch wenn dies zu allgemein formuliert ist, ist unvernünftig und meint, ihr kann sowieso nichts oder nicht viel anhaben und fühlt sich irgendwie unsterblich. Der daraus resultierende risikosuchende Lebensstil ist in Zeiten der Coronavirus-Pandemie schwer zu ertragen und es stellt sich die Frage, wie sich die jungen Menschen erreichen lassen.

Es geht Ihnen also primär um die Haltungen junger Menschen?

Jugendliche sind allerdings nicht die einzige Gruppe, die in der Öffentlichkeit auffällt und medial oft thematisiert werden. Weniger Beachtung finden marginalisierte Gruppen wie Obdachlose, Drogenkonsumierende und andere Menschen, die auf den öffentlichen Raum angewiesen sind. Der alkoholkranke Obdachlose gehört zu denjenigen, die vom Coronavirus am stärksten bedroht sind. Was bedeutet dies für deren Risikoverhalten? Die Angehörigen marginalisierter Gruppen verhalten sich, ähnlich der sogenannten Durchschnittsbevölkerung, unterschiedlich. Manche unter ihnen versuchen, sich sozial abzugrenzen, was eine doppelte soziale Ausgrenzung bedeutet: einerseits eine ungewollte durch die sogenannten Normalbürgerinnen und -bürger und andererseits eine „frei gewählte“ von der Szene. Diese soziale Isolation stellt eine immens hohe Belastung für die Betroffenen dar, weil ihre Beziehungen persönlichen Kontakt voraussetzen und digitale Zusammenkünfte regelmäßig ausgeschlossen sind. Andere hocken mit ihren Freunden und Bekannten zusammen, nach dem Motto „geteiltes Leid ist halbes Leid“, und wiederum andere legen eine „Mir-ist-alles-egal“-Haltung an den Tag, die darauf zurückzuführen ist, dass der eigene Lebensstil riskant ist und sie darunter leiden. Das Leben gefährdende Krankheiten sind sowieso verbreitet und eine gesundheitliche Bedrohung mehr schreckt auch nicht mehr.

Nun hat aber das Corona-Virus gerade für diesen Personenkreis besondere Folgen?

Die Coronavirus-Pandemie hat allerdings für marginalisierte Gruppen einschneidende Folgen. Bundesweit wird die soziale Unterstützung und Überlebenshilfe heruntergefahren und sogar eingestellt. Die Ehrenamtlichen, die häufig älter sind, setzen ihr Engagement zu ihrem eigenen Schutz aus. Die Kapazitäten des Übernachtungsschutzes sind reduziert, weil Menschen nicht mehr in Mehrbettzimmern schlafen dürfen. Da wir ein Forschungsprojekt im Münchner Bahnhofsviertel durchführen, haben wir einmal nachgefragt. So ist die Bahnhofsmission als eine Einrichtung der Daseinsvorsorge rund um die Uhr geöffnet und hat eine Auffangfunktion, weil andere Einrichtungen wie eine Suppenküche jetzt geschlossen sind. Der Übernachtungsschutz in einer ehemaligen Kaserne hat zwar nur noch Einzelzimmer, aber dafür rund um die Uhr geöffnet und einen Quarantänebereich eingerichtet. Beim Drogennotdienst ist das offene Café im Kontaktladen geschlossen und der Spritzentausch läuft über ein Apothekerfenster. Die Essensausgabe ist von Lieferungen der Tafel abhängig und die Notschlafstellen wurden reduziert, um die Unterbringung in Einzelzimmern sicherzustellen. Manche Kontaktläden sind zu, andere arbeiten mit verminderter Platzanzahl an Einzeltischen weiter, um den Sicherheitsabstand zu gewährleisten. Duschmöglichkeiten gibt es oft nicht mehr und auch Kleiderkammern sind geschlossen. Die mobile Gesundheitsversorgung funktioniert noch. In allen Einrichtungen wurden die Hygienestandards und Vorsorgemaßnahmen angepasst. Die Bordelle sind geschlossen; im Unterschied zu anderen Städten können die betroffenen Frauen dort bleiben. Die spürbare Verringerung der Kapazitäten bedeutet für Obdachlose, eine noch größere Abhängigkeit vom öffentlichen Raum und durch das Kontaktverbot eine noch größere soziale Isolation.

Was ist das zentrale Anliegen Ihres heutigen Zwischenrufes?

Mir sind zwei Dinge wichtig. Erstens möchte ich das pauschale Egoismus-Framing hinterfragen, wenn Menschen sich nicht an Empfehlungen oder Verbote halten. Das Framing als Egoismus bietet eine einfache Problemdefinition durch das Außerachtlassen der sozialen Distanzierung. Das Framing bietet eine kausale Interpretation, der Coronavirus verbreitet sich durch Nähe schneller. Das Framing bietet eine moralische Bewertung, der egoistische Mensch sei schlecht. Und schließlich gibt das Framing die Handlungsempfehlung „Bleibt zu Hause“. Egoismus mag auch ein Motiv sein, aber der Umgang mit Gefährdungen und Risiken ist für uns Menschen eine Herausforderung, die sich unterschiedlich äußert. Verdrängung ist beispielsweise ebenfalls eine von mir noch nicht erwähnte, beliebte Strategie. Die von mir aufgegriffenen Beispiele, Jugendliche und marginalisierte Menschen, zeigen, dass die Gefühlswelten und die Lebenslagen viel komplexer als bloße Vereinfachungen sind.
Zweitens möchte ich für die schwierigen Lebensverhältnisse marginalisierter Gruppen während der Coronavirus-Pandemie sensibilisieren. Wenngleich sich das Leben für viele Menschen, die Existenzängste haben und in kleinen Wohnungen alleine oder aufeinander hocken, erheblich verschlechtert hat, gestaltet sich die Lebenssituation für Menschen auf der Straße noch schwieriger. Elementare Überlebenshilfen wie eine warme Mahlzeit, Duschen, ein Schlafplatz, ein Platz im Warmen tagsüber und der Kleiderwechsel fallen weg oder sind nur noch eingeschränkt verfügbar. Es stellt sich die Frage, wie in den nächsten Wochen die Notversorgung dieser Menschen gewährleistet wird und wo sie sich im öffentlichen Raum aufhalten dürfen. Das Kontaktverbot und Ausgangsbeschränkungen im öffentlichen Raum sowie der Wegfall von Aufenthaltsmöglichkeiten in geschlossenen Räumen machen das Leben schwerer.

Abschließend bitte ich Sie um eine kurze zusammenfassende Aussage zu Ihrem heutigen Anliegen.

Der zurzeit oft erwähnte soziale Zusammenhalt zeigt sich nicht nur in der sozialen Distanzierung, der Anerkennung der Leistungen von unter anderem Kranken- und Altenpflegekräften, Verkaufspersonal, Polizei- und Ordnungsdiensten sowie der Nachbarschaftshilfe für Ältere. Vielmehr geht es auch um Verständnis für die Motive von Kindern und Jugendlichen. Nicht zu vergessen ist, dass manche keinen Rückzugsraum zu Hause haben und andere mehr häuslicher Gewalt ausgesetzt sind. Und schließlich sind marginalisierte Gruppen, zu denen auch Geflüchtete in Gemeinschaftsunterkünften gehören, besonders gefährdet und haben einen besonderen Hilfsbedarf.

Frau Professorin Haverkamp, haben Sie herzlichen Dank für diesen Zwischenruf und bleiben Sie gesund!

Prof. Dr. Rita Haverkamp
Stiftungsprofessur für Kriminalprävention und Risikomanagement an der Juristischen Fakultät der Eberhard Karls Universität Tübingen
Geschwister-Scholl-Platz
72074 Tübingen
https://www.jura.uni-tuebingen.de/professoren_und_dozenten/haverkamp
aktuelle Forschungsprojekte:
https://www.jura.uni-tuebingen.de/professoren_und_dozenten/haverkamp/projekte

 

 

rof. Dr. Dirk Baier

4. Zwischenruf: 23. März 2020

Erich Marks im Gespräch mit Prof. Dr. Dirk Baier
„Verschwörungstheorien gedeihen in Krisen – Zivilcourage hilft, sie einzudämmen“

Herr Baier, ich begrüße Sie herzlich und darf Sie direkt fragen, welche Präventionsfragen ihnen aktuell besonders wichtig erscheinen.

Zweifellos sind derzeit alle die Gesundheitsprävention betreffenden Fragen von besonderer Bedeutung. Das ist aber nicht mein Tätigkeitsbereich. Für die Kriminalprävention sehe ich derzeit vor allem im Bereich des Umgangs mit Aggressionen, die durch die verschiedenen Verhaltensbeschränkungen entstehen können, relevante Themen – so bspw. die Prävention häuslicher Gewalt. Was mich derzeit aber ebenfalls interessiert, ist die Entstehung von Verschwörungstheorien. Wir wissen aus der Vergangenheit, dass solche Verschwörungstheorien immer dann regelrecht aufblühen, wenn sich etwas gesellschaftlich Einzigartiges ereignet. Dies ist derzeit der Fall. Die Corana-Pandemie verlangt nach Erklärungen – und verschiedene Menschen geben sich nicht mit den Erklärungen der Wissenschaft und Politik zufrieden, sondern vermuten dahinter das Wirken dubioser Mächte. Problematisch ist das in mindestens zweierlei Hinsicht: Erstens in kurzfristiger Perspektive dürften Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, die notwendigen Verhaltensrichtlinien weniger beachten und setzen sich und andere unnötigen Gefahren aus. Zweitens langfristig sinkt mit dem Glauben an Verschwörungstheorien das Vertrauen in das politische System; es kommt zu einer Entfremdung, mit bedeutsamen Konsequenzen. Wir konnten bspw. in einer aktuellen Studie zeigen, dass Jugendliche wie auch Erwachsene, die an Verschwörungstheorien glauben, gewalttätigen Extremismus befürworten. Verschwörungstheorien haben damit über kurz oder lang demokratiegefährdende Folgen.

Was ist das zentrale Anliegen Ihres heutigen Zwischenrufes?

Mein Appell ist ein einfacher und wenig überraschender: Die negativen Folgen der Verbreitung von und des Glaubens an Verschwörungstheorien berücksichtigend braucht es noch mehr Menschen, die sich gegen diese Theorien stellen, es braucht einmal mehr Zivilcourage. Denn wo werden die Theorien aufgegriffen und verbreitet? Im Freundeskreis, im nahen sozialen Umfeld, in den Sozialen Medien. Und überall dort muss jeder einzelne gegen die Verbreitung dieser Theorien eintreten. Ich finde es in dieser Hinsicht sehr wertvoll, dass sich im Zusammenhang mit der Corona-Krise viele Prominente auf Instagram und anderen Kanälen für die politischen Massnahmen und die wissenschaftlichen Erkenntnisse dahinter stark gemacht haben. Sie haben damit ihre Vorbildfunktion wahrgenommen. Vorbild im Kleinen kann aber jede Frau und jeder Mann sein.

Abschließend bitte ich sie um eine kurze zusammenfassende Aussage zu Ihrem heutigen Anliegen.

Verschwörungstheorien gedeihen in Krisenzeiten. Auch die Corona-Krise führt zur Verbreitung von abstrusen Annahmen und Deutungen. Dies kann – und das merken wir derzeit so unmittelbar war sonst selten – im Zweifelsfall tödliche Folgen haben. Jeder sollte daher entsprechend seiner Möglichkeiten verhindern, dass sich Verschwörungstheorien weiterverbreiten.

Prof. Dr. Dirk Baier
Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.
https://www.zhaw.ch/de/sozialearbeit/institute-zentren/idk

rof. Dr. Marc Coester

3. Zwischenruf: 23. März 2020

Erich Marks im Gespräch mit Prof. Dr. Marc Coester
„Krisen bedingen eine Schwächung sozialer Normen. Das Strafrecht muss reagieren.“

Heute ist Montag, der 23. März 2020. Ich bin Erich Marks und als Geschäftsführer des Deutschen Präventionstages freue ich mich über ihr Interesse an unseren Zwischenrufen zur Prävention in Zeiten der Corona-Epidemie und von COVID-19.

Zum heutigen Zwischenruf begrüße ich am Telefon Prof. Dr. Marc Coester . Herr Coester ist Professor für Kriminologie an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin und ausgewiesener Experte zum Themenkomplex Hasskriminalität.

Herr Coester, ich begrüße Sie herzlich und darf Sie direkt fragen, welche kriminologischen Gedanken Sie sich in der derzeitigen Ausnahmesituation machen.

Tatsächlich birgt die Corona-Krise aus kriminologischer Sicht sehr viel Sprengstoff oder anders: viele Phänomene, mit denen sich die Kriminologie beschäftigt sind akut betroffen. Dabei sowohl positiv wie negativ: einige Phänomene werden einen positiven Einbruch erfahren. Z.B. Spontane Jugendgewalt auf der Straße oder Gewalt an Schulen. Negativ dürften sich aber all‘ diejenigen Taten entwickeln, die schon immer im Dunkelfeld und gerade im häuslichen Bereich stattgefunden haben: Gewalt in der Familie, Gewalt in der Pflege. Ich bin schon auf die Polizeiliche Kriminalstatistik 2020 gespannt.

Die Kriminologie fragt aber auch nach den Ursachen abweichenden Verhaltens. Und das wiederum ist ja eine wichtige Voraussetzung für jede Präventionsstrategie. Also: was könnten in Zeiten einer so globalen und fundamentalen Krise Ursachen kriminellen Verhaltens unter Extremsituationen sein? Hierzu liefert zunächst Emile Durkheim Ansätze, der am Ende des 19. Jahrhunderts und unter den Eindrücken einer weltweiten Zerrüttung – der Industrialisierung – erstmalig Gedanken zum Verhältnis vom Menschen in der Gesellschaft angestellt hat. Ganz kurz gefasst war eine seiner Aussagen: In Zeiten fundamentaler Umwälzungen in der Gesellschaft, brechen auch soziale Normen weg (hier entsteht der Begriff der Anomie, also der Normlosigkeit). Anomie bedingt eine Schwächung der bekannten Strukturen und Ordnungsprinzipien, der Einzelne verliert seine Orientierung, der gesellschaftliche Zusammenhalt bröckelt und soziale Regeln finden keine Beachtung mehr. Durkheim beobachtete damals Aufgrund dieser Entwicklungen erhöhte Kriminalitäts- aber auch Selbstmordraten in vielen europäischen Ländern.

Ein amerikanischer Soziologe, Robert K. Merton, griff diese Gedanken in den 1930er Jahren und in Folge einer weiteren weltweiten Krise, der Weltwirtschaftskrise, auf. Er konkretisierte die Ideen von Durkheim und formulierte 5 Reaktionsmuster, wie der Mensch in und nach Krisen damit umgeht, aufgrund von z.B. Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit, kulturell anerkannte Ziele nicht mehr erreichen zu können. Die gute Nachricht dabei: eine der Reaktionsformen ist, laut Merton, die Konformität, also die Anpassung an den sozialen Wandel. Die Rebellion ist allerdings eine andere, d.h. die Bekämpfung dieser gesellschaftlichen Ziele und die gewaltsame Veränderung sozialer Strukturen. Damit gemeint ist Terrorismus und Extremismus.

Damit wären Sie bei Ihrem Thema der Hasskriminalität

Genau. Kurz vor der Corona-Krise hatten wir Halle und Hanau. Wir hatten die Regierungskrise in Thüringen. Wir haben seit Jahren ein Erstarken der extremen Rechten, wir haben Gruppen, die sich Abschotten und Krisen heraufbeschwören, die in Sündenbockphantasien und Endzeitszenarien das Ende der Demokratie heraufbeschwören, die sich im Wald Lebensmittel- und Waffenlager anlegen oder sich in wirren Kaiserreichen auf deutschem Boden organisieren. Diese Menschen träumen von geschlossenen Grenzen, reden vom Volkstod oder dem großen Austausch und haben es heute bis in die Parlamente geschafft. Wir erleben Attentate aber auch alltägliche rassistische Gewalt auf den Straßen – Hasskriminalität - und Täter, die sich auserkoren fühlen all‘ solche Phantasien und Ideologien mit Gewalt durchzusetzen. Und das schon vor der jetzigen Krise. Durkheim und Merton würden sagen, aufpassen, denn jetzt und gerade nach der Krise kommt deren Zeit. Das Gemeinwesen ist physisch und psychisch geschwächt, Ordnungsprinzipien brechen weg, soziale Regeln verwässern, der Zusammenhalt bröckelt, Durkheim würde sicher einen anomischen Zustand attestieren. Ein Einfallstor für Extremisten und Terroristen.

Was kann die Prävention hier ausrichten?

Sehr viel. Wir werden während und besonders nach der Krise gesamtgesellschaftlich, d.h. in allen Institutionen, dafür sorgen müssen, den Zusammenhalt zu stärken, Solidarität zu fördern und ganz dezidiert Toleranz, Vielfalt und Weltoffenheit zu festigen. Die Prinzipien der Demokratie müssen nach der Krise umso mehr gelehrt und gelernt werden. Wir werden uns weiterhin mit dem Abbau von Vorurteilen und Gewalt beschäftigen müssen. Für all das gibt es schon viele, teils gut evaluierte, Ansätze und Programme. Die Message sollte nur ankommen, dass, sollten Merton und Durkheim recht behalten, es umso dringender nach der Krise auf allen Ebenen gestaltet werden muss.
Zuletzt geht es aber auch insbesondere um eine klare Repression in diesem Zusammenhang. Die Schwächung von Normen und Ordnungsprinzipien in Krisen benötigt deutliche Signale und Antworten des Rechtsstaates. Im Februar wurde das Gesetz zur Bekämpfung des Rechtsextremismus und der Hasskriminalität im Bundestag beschlossen. Ich meine, dieses blieb schon vor der Krise hinter seinen Möglichkeiten. M.E. bedarf es in Deutschland jetzt noch mehr einer deutlichen strafrechtlichen Normierung von Hassverbrechen: Hasskriminalität als eigenständiger, ‚echter‘ materiell-rechtlicher, strafverschärfender Paragraph im StGB.

Herr Professor Coester, Danke für Ihren Zwischenruf und bleiben Sie gesund.

Prof. Dr. Marc Coester
Professur für Kriminologie, Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin
Alt Friedrichsfelde 60
10315 Berlin
marc.coester@hwr-berlin.de.
Weitere Informationen unter www.marc-coester.de.

Prof. Dr. Klaus Wahl

2. Zwischenruf: 23. März 2020

Erich Marks im Gespräch mit Prof. Dr. Klaus Wahl
„Die Krise als Chance: Krisen- und Gewaltprävention neu planen“

Heute ist Montag, der 23. März 2020. Ich bin Erich Marks und als Geschäftsführer des Deutschen Präventionstages freue ich mich über ihr Interesse an unseren Zwischenrufen zur Prävention in Zeiten der Corona-Epidemie und von COVID-19.

Zum heutigen Zwischenruf begrüße ich am Telefon Prof. Dr. Klaus Wahl. Herr Wahl ist Aggressionsforscher, hat über viele Jahrzehnte zahlreiche empirische Studien durchgeführt und war u.a. wissenschaftlicher Stabschef im Deutschen Jugendinstitut. Er versteht sich als Brückenbauer zwischen Naturwissenschaft und Sozialwissenschaften.
Herr Wahl, ich begrüße Sie herzlich und darf Sie direkt fragen, welche Präventionsfragen ihnen aktuell besonders wichtig erscheinen.

Krisenzeiten wie jetzt beim Coróna-Virus erzeugen bei vielen Menschen Furcht und Angst. Solche Emotionen können dann unterschiedliche Verhaltensreaktionen auslösen. Es können schädliche Reaktionen sein wie Aggression oder nützliche wie die Hilfe für andere. Die Kernfrage ist dann: Wie kann man die Chancen für Aggression vermindern?

Was ist das zentrale Anliegen Ihres heutigen Zwischenrufes?

Ich will jetzt gar nicht auf die aktuellen, unmittelbaren Probleme eingehen, etwa von Familien, die sich eingesperrt fühlen, aggressiv werden können und denen man helfen muss. Dazu äußern sich ja andere Experten. Aber man hört ja oft, jede Krise biete auch eine Chance. Daher möchte ich den Blick darauf lenken, was man aus der Coróna-Krise für die Zukunft ableiten kann. Es ist ja abzusehen, dass es weiter Wirtschaftskrisen, Globalisierungskrisen, die Klimakrise usw. geben wird.

Vor dem Blick in die Zukunft aber zunächst ein kurzer Blick in die Vergangenheit: In der langen Zeit der Evolution haben Menschen typische Formen entwickelt, auf bedrohliche Situationen zu reagieren. Gefahren lösen Emotionen wie Furcht oder Angst aus. Diese Emotionen wiederum motivieren zu einer Reihe von Verhaltensweisen, um der Gefahr zu entgehen oder sie real oder auch nur scheinbar zu bewältigen. Wie heftig diese Emotionen empfunden werden und welches Verhalten sie genau auslösen, hängt aber auch stark von der Persönlichkeit der einzelnen Menschen ab. Solche Reaktionen sind z. B.:

  • Egoismus (zur Sicherung des eigenen Überlebens), etwa beim Hamstern von Lebensmitteln oder Stehlen von Gesichtsmasken.
  • Eine andere Reaktion ist Aggression, wenn eigene Bedürfnisse frustriert werden (z. B. wenn man plötzlich ohne Arbeit in einer engen Wohnung verbringen muss, wo die Kinder oder der Partner stören; oder denken wir an Jugendliche, die mit anderen ausgehen wollen, aber eingesperrt sind und deswegen wütend werden).
  • Gefahrensituationen können aber auch den Zusammenhalt einer Gesellschaft nach innen fördern, allerdings auch oft begleitet von Abgrenzung nach außen (nationalistische Gefühle), und oft wiederum verbunden mit
  • einer Sündenbocksuche zur Entlastung der eigenen Verantwortung (am Beginn der Corona-Epidemie in Deutschland flammten alte Vorurteile gegen Chinesen auf; danach gab Donald Trump den Europäern die Schuld, den Virus nicht vor seiner Reise nach Amerika gestoppt zu haben).

Doch etliche Personen zeigten auch positive Reaktionen:

  • Etwa Altruismus bei der Hilfe für Risikopersonen (Alte, Kranke).
  • Es zeigte sich auch Solidarität mit ansonsten schlecht bezahlten Berufsgruppen (Krankenschwestern).

Es gibt also für das gesellschaftliche Leben negative und positive Reaktionen auf Gefahren. Und die sind u. a. von den einzelnen Persönlichkeiten abhängig.

Ich möchte daher jenseits der natürlich notwendigen aktuellen Präventions- und Interventionsmaßnahmen die jetzige Krise auch als Chance nutzen und fragen, wie wir Menschen darauf vorbereiten können, für künftige Krisen besser gewappnet zu sein.

Neben Gesundheitspolitik, Katastrophenschutz, Klima-, Wirtschafts- und Entwicklungspolitik wäre eine wichtige Präventionsmaßnahme, Menschen selbst zu Persönlichkeiten zu verhelfen, die mit Stress und Herausforderungen produktiver umgehen können - das Stichwort hierzu ist Resilienz, also die Fähigkeit, Krisen und Stress zu bewältigen. Wie die Forschung zeigt, beginnt die Entwicklung jeder Persönlichkeit früh, mit den elterlichen Genen, epigenetischen Prozessen, durch Einflüsse während der Schwangerschaft und in der Kleinkindphase. Hier entscheidet sich schon weitgehend, ob Kinder zu resilienten Persönlichkeiten werden und ob sie mutig oder ängstlich werden, sich Risiken stellen oder aus dem Weg gehen, friedlich oder aggressiv sind. Eine positive Entwicklung kann man durch frühe Hilfen in Familien, vor allem aber auch in Kitas und Grundschulen fördern, durch Entlastung und Beratung für Eltern, spezifische sozialpädagogische Angebote in den Kitas zur Förderung entsprechender Kompetenzen bei Kindern usw. – auch als Beitrag zur Prävention späterer Gewalt im Jugend- und Erwachsenenalter.

Abschließend bitte ich Sie um eine kurze zusammenfassende Aussage zu Ihrem heutigen Anliegen.

Ich denke angesichts der uns alle sehr bis extrem belastenden Corona-Krise nicht nur an jetzt unmittelbare Maßnahmen für die aktuellen Herausforderungen. Sondern ich versuche, schon eine Lehre aus der Krise für die Zukunft zu ziehen: Wie kann Prävention – neben vielen anderen notwendigen politischen Schritten – Menschen darauf vorbereiten, mit Krisen produktiver und friedlicher umzugehen, statt gewalttätig zu werden. Das beginnt beim Kind und seiner Persönlichkeitsentwicklung – und auf die können wir Einfluss nehmen. Das wäre ein erster, wichtiger, strategischer Schritt einer umfassenden gesamtgesellschaftlichen Gewaltprävention, wie sie auch schon in einer Initiative des Deutschen Präventionstags diskutiert wird.

Herr Professor Wahl, ich sage herzlich Danke für Ihren heutigen Zwischenruf und bleiben Sie gesund.

Prof. Dr. Klaus Wahl
Psychosoziale Analysen und Prävention - Informations-System (PAPIS), München
https://klauswahl.hpage.com/

Neuerscheinung
Klaus Wahl
The Radical Right
Biopsychosocial Roots and International Variations
London: Palgrave Macmillan / Cham: Springer Nature 2020
Hardcover ISBN 978-3-030-25130-7
eBook ISBN 978-3-030-25131-4
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Prof. Dr. Christian Pfeiffer

1. Zwischenruf: 20. März 2020

Erich Marks im Gespräch mit Prof. Dr. Christian Pfeiffer

Zum heutigen Zwischenruf begrüße ich am Telefon Professor Dr. Christian Pfeiffer. Herr Pfeiffer ist einer der bekanntesten Kriminologen in Deutschland; er hat fast drei Jahrzehnte das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen geleitet und war auch für einige Jahre Niedersächsischer Justizminister.

Herr Pfeiffer, ich begrüße Sie herzlich und darf Sie direkt fragen, welche Präventionsfragen ihnen aktuell besonders wichtig erscheinen.

Da wir wegen Corona primär zu Hause leben, dürfte in dieser Zeit etwas drastisch abnehmen: der Wohnungseinbruch. Aber das ist schon die einzige, wirklich gute Nachricht. Meine Sorge gilt Kindern und Frauen. Das notwendige Schließen der Schulen, Kindergärten, Spielplätze und Sporthallen begründet in Kombination mit der faktischen Arbeitslosigkeit vieler Eltern ein steigendes Risiko innerfamiliärer Gewalt. Es kommt ja hinzu, dass der Stress besonders in solchen Familien steigt, denen das tägliche Einkommen weggebrochen ist. Da droht auf einmal echte Armut, weil das Bargeld fehlt und Hartz IV noch nicht beantragt ist. Wenn dann noch enge Wohnverhältnisse und der Griff zum Alkohol hinzukommen, werden die schwachen Mitglieder der Familie schnell zu Opfern körperlicher und sexueller Gewalt.

Was ist das zentrale Anliegen Ihres heutigen Zwischenrufes?

Angesichts der beschriebenen Situation kann ich nur hoffen, dass die verantwortlichen Politiker weiterhin auf die Ausgangssperre verzichten können. Sie würde die Situation in den bedrängten Familien drastisch verschärfen. Und gleichzeitig sind die Nachbarn dazu aufgerufen, trotz der notwendigen Distanz, wo immer ihnen das möglich ist, kleine Hilfen anzubieten und notfalls die Polizei zu rufen, wenn sie mitbekommen, dass Gewalt geschieht.

Abschließend bitte ich sie um eine kurze zusammenfassende Aussage zu Ihrem heutigen Anliegen.

Die bei vielen Menschen plötzlich hereinbrechende Armut schafft Probleme, die wir nur bewältigen können, wenn neue Formen der Solidarität entwickelt werden. Ein Beispiel sind die Tafeln, die ja primär von älteren Menschen organisiert und betreut wurden. Da müssen jetzt die Jungen mit anpacken, weil die Zahl der Bedürftigen drastisch steigen wird, die kein Geld mehr für das tägliche Brot haben.

Herr Professor Pfeiffer, ich danke Ihnen für das Gespräch.