03. Zwischenruf: Erich Marks im Gespräch mit Prof. Dr. Marc Coester

Prof. Dr. Marc Coester
Hochschule für Wirtschaft und Recht
Erich Marks
DPT – Deutscher Präventionstag

Heute ist Montag, der 23. März 2020. Ich bin Erich Marks und als Geschäftsführer des Deutschen Präventionstages freue ich mich über ihr Interesse an unseren Zwischenrufen zur Prävention in Zeiten der Corona-Epidemie und von COVID-19.

Zum heutigen Zwischenruf begrüße ich am Telefon Prof. Dr. Marc Coester . Herr Coester ist Professor für Kriminologie an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin und ausgewiesener Experte zum Themenkomplex Hasskriminalität.

Herr Coester, ich begrüße Sie herzlich und darf Sie direkt fragen, welche kriminologischen Gedanken Sie sich in der derzeitigen Ausnahmesituation machen.

Tatsächlich birgt die Corona-Krise aus kriminologischer Sicht sehr viel Sprengstoff oder anders: viele Phänomene, mit denen sich die Kriminologie beschäftigt sind akut betroffen. Dabei sowohl positiv wie negativ: einige Phänomene werden einen positiven Einbruch erfahren. Z.B. Spontane Jugendgewalt auf der Straße oder Gewalt an Schulen. Negativ dürften sich aber all‘ diejenigen Taten entwickeln, die schon immer im Dunkelfeld und gerade im häuslichen Bereich stattgefunden haben: Gewalt in der Familie, Gewalt in der Pflege. Ich bin schon auf die Polizeiliche Kriminalstatistik 2020 gespannt.

Die Kriminologie fragt aber auch nach den Ursachen abweichenden Verhaltens. Und das wiederum ist ja eine wichtige Voraussetzung für jede Präventionsstrategie. Also: was könnten in Zeiten einer so globalen und fundamentalen Krise Ursachen kriminellen Verhaltens unter Extremsituationen sein? Hierzu liefert zunächst Emile Durkheim Ansätze, der am Ende des 19. Jahrhunderts und unter den Eindrücken einer weltweiten Zerrüttung – der Industrialisierung – erstmalig Gedanken zum Verhältnis vom Menschen in der Gesellschaft angestellt hat. Ganz kurz gefasst war eine seiner Aussagen: In Zeiten fundamentaler Umwälzungen in der Gesellschaft, brechen auch soziale Normen weg (hier entsteht der Begriff der Anomie, also der Normlosigkeit). Anomie bedingt eine Schwächung der bekannten Strukturen und Ordnungsprinzipien, der Einzelne verliert seine Orientierung, der gesellschaftliche Zusammenhalt bröckelt und soziale Regeln finden keine Beachtung mehr. Durkheim beobachtete damals Aufgrund dieser Entwicklungen erhöhte Kriminalitäts- aber auch Selbstmordraten in vielen europäischen Ländern.

Ein amerikanischer Soziologe, Robert K. Merton, griff diese Gedanken in den 1930er Jahren und in Folge einer weiteren weltweiten Krise, der Weltwirtschaftskrise, auf. Er konkretisierte die Ideen von Durkheim und formulierte 5 Reaktionsmuster, wie der Mensch in und nach Krisen damit umgeht, aufgrund von z.B. Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit, kulturell anerkannte Ziele nicht mehr erreichen zu können. Die gute Nachricht dabei: eine der Reaktionsformen ist, laut Merton, die Konformität, also die Anpassung an den sozialen Wandel. Die Rebellion ist allerdings eine andere, d.h. die Bekämpfung dieser gesellschaftlichen Ziele und die gewaltsame Veränderung sozialer Strukturen. Damit gemeint ist Terrorismus und Extremismus.

Damit wären Sie bei Ihrem Thema der Hasskriminalität

Genau. Kurz vor der Corona-Krise hatten wir Halle und Hanau. Wir hatten die Regierungskrise in Thüringen. Wir haben seit Jahren ein Erstarken der extremen Rechten, wir haben Gruppen, die sich Abschotten und Krisen heraufbeschwören, die in Sündenbockphantasien und Endzeitszenarien das Ende der Demokratie heraufbeschwören, die sich im Wald Lebensmittel- und Waffenlager anlegen oder sich in wirren Kaiserreichen auf deutschem Boden organisieren. Diese Menschen träumen von geschlossenen Grenzen, reden vom Volkstod oder dem großen Austausch und haben es heute bis in die Parlamente geschafft. Wir erleben Attentate aber auch alltägliche rassistische Gewalt auf den Straßen – Hasskriminalität - und Täter, die sich auserkoren fühlen all‘ solche Phantasien und Ideologien mit Gewalt durchzusetzen. Und das schon vor der jetzigen Krise. Durkheim und Merton würden sagen, aufpassen, denn jetzt und gerade nach der Krise kommt deren Zeit. Das Gemeinwesen ist physisch und psychisch geschwächt, Ordnungsprinzipien brechen weg, soziale Regeln verwässern, der Zusammenhalt bröckelt, Durkheim würde sicher einen anomischen Zustand attestieren. Ein Einfallstor für Extremisten und Terroristen.

Was kann die Prävention hier ausrichten?

Sehr viel. Wir werden während und besonders nach der Krise gesamtgesellschaftlich, d.h. in allen Institutionen, dafür sorgen müssen, den Zusammenhalt zu stärken, Solidarität zu fördern und ganz dezidiert Toleranz, Vielfalt und Weltoffenheit zu festigen. Die Prinzipien der Demokratie müssen nach der Krise umso mehr gelehrt und gelernt werden. Wir werden uns weiterhin mit dem Abbau von Vorurteilen und Gewalt beschäftigen müssen. Für all das gibt es schon viele, teils gut evaluierte, Ansätze und Programme. Die Message sollte nur ankommen, dass, sollten Merton und Durkheim recht behalten, es umso dringender nach der Krise auf allen Ebenen gestaltet werden muss.
Zuletzt geht es aber auch insbesondere um eine klare Repression in diesem Zusammenhang. Die Schwächung von Normen und Ordnungsprinzipien in Krisen benötigt deutliche Signale und Antworten des Rechtsstaates. Im Februar wurde das Gesetz zur Bekämpfung des Rechtsextremismus und der Hasskriminalität im Bundestag beschlossen. Ich meine, dieses blieb schon vor der Krise hinter seinen Möglichkeiten. M.E. bedarf es in Deutschland jetzt noch mehr einer deutlichen strafrechtlichen Normierung von Hassverbrechen: Hasskriminalität als eigenständiger, ‚echter‘ materiell-rechtlicher, strafverschärfender Paragraph im StGB.

Herr Professor Coester, Danke für Ihren Zwischenruf und bleiben Sie gesund.

Prof. Dr. Marc Coester
Professur für Kriminologie, Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin
Alt Friedrichsfelde 60
10315 Berlin
marc.coester@hwr-berlin.de.
Weitere Informationen unter www.marc-coester.de.

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