05. Zwischenruf: Erich Marks im Gespräch mit Prof. Dr. Rita Haverkamp

Prof. Dr. Rita Haverkamp
Stiftungsprofessur für Kriminalprävention und Risikomanagement
Erich Marks
DPT – Deutscher Präventionstag

Heute ist Dienstag, der 24. März 2020. Ich bin Erich Marks und als Geschäftsführer des Deutschen Präventionstages freue ich mich über Ihr Interesse an unseren Zwischenrufen zur Prävention.

Zum heutigen Zwischenruf begrüße ich am Telefon Frau Prof. Dr. Rita Haverkamp. Frau Haverkamp ist Juristin und Kriminologin und hat seit Oktober 2013 die deutschlandweit einzige Stiftungsprofessur für Kriminalprävention und Risikomanagement an der Universität Tübingen inne.

Frau Haverkamp, ich begrüße Sie herzlich und darf Sie zunächst fragen, welche Präventionsaspekte Ihnen aktuell besonders wichtig erscheinen?
Der Umgang mit dem Coronavirus hat uns im Griff. Als gesundheitliche Präventionsmaßnahme ist „soziale Distanzierung“ das Schlagwort der Stunde. Der politische Aufruf hierzu kam in der letzten Woche bei wunderbarem Frühlingswetter in den Köpfen einiger Menschen nicht an. Sie genossen die Zeit draußen und rückten vor Cafés und Restaurants zusammen. Der empfohlene Sicherheitsabstand von 1,5 Metern wurde nicht eingehalten. Jugendliche in Freiburg fielen negativ mit sogenannten Coronaparties auf, Jugendliche woanders gingen offensiv auf Passantinnen und Passanten zu und erschreckten diese laut mit „Coronavirus“. Daraufhin warfen ihnen namhafte Persönlichkeiten aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen, wie auch Politik und Medien, Egoismus vor. Aber handelt es sich tatsächlich um Egoismus? Die kriminologische Forschung weiß schon lange, dass junge Menschen bis etwa 21 Jahren vielfach mit sich selbst beschäftigt sind und in einer Phase der Rebellion stecken. Sozial deviante Verhaltensweisen kennzeichnen die Pubertät der meisten. Diese schwierige Phase macht den „vernünftigen“ Erwachsenen seit alters her zu schaffen. Die Jugend, auch wenn dies zu allgemein formuliert ist, ist unvernünftig und meint, ihr kann sowieso nichts oder nicht viel anhaben und fühlt sich irgendwie unsterblich. Der daraus resultierende risikosuchende Lebensstil ist in Zeiten der Coronavirus-Pandemie schwer zu ertragen und es stellt sich die Frage, wie sich die jungen Menschen erreichen lassen.

Es geht Ihnen also primär um die Haltungen junger Menschen?

Jugendliche sind allerdings nicht die einzige Gruppe, die in der Öffentlichkeit auffällt und medial oft thematisiert werden. Weniger Beachtung finden marginalisierte Gruppen wie Obdachlose, Drogenkonsumierende und andere Menschen, die auf den öffentlichen Raum angewiesen sind. Der alkoholkranke Obdachlose gehört zu denjenigen, die vom Coronavirus am stärksten bedroht sind. Was bedeutet dies für deren Risikoverhalten? Die Angehörigen marginalisierter Gruppen verhalten sich, ähnlich der sogenannten Durchschnittsbevölkerung, unterschiedlich. Manche unter ihnen versuchen, sich sozial abzugrenzen, was eine doppelte soziale Ausgrenzung bedeutet: einerseits eine ungewollte durch die sogenannten Normalbürgerinnen und -bürger und andererseits eine „frei gewählte“ von der Szene. Diese soziale Isolation stellt eine immens hohe Belastung für die Betroffenen dar, weil ihre Beziehungen persönlichen Kontakt voraussetzen und digitale Zusammenkünfte regelmäßig ausgeschlossen sind. Andere hocken mit ihren Freunden und Bekannten zusammen, nach dem Motto „geteiltes Leid ist halbes Leid“, und wiederum andere legen eine „Mir-ist-alles-egal“-Haltung an den Tag, die darauf zurückzuführen ist, dass der eigene Lebensstil riskant ist und sie darunter leiden. Das Leben gefährdende Krankheiten sind sowieso verbreitet und eine gesundheitliche Bedrohung mehr schreckt auch nicht mehr.

Nun hat aber das Corona-Virus gerade für diesen Personenkreis besondere Folgen?

Die Coronavirus-Pandemie hat allerdings für marginalisierte Gruppen einschneidende Folgen. Bundesweit wird die soziale Unterstützung und Überlebenshilfe heruntergefahren und sogar eingestellt. Die Ehrenamtlichen, die häufig älter sind, setzen ihr Engagement zu ihrem eigenen Schutz aus. Die Kapazitäten des Übernachtungsschutzes sind reduziert, weil Menschen nicht mehr in Mehrbettzimmern schlafen dürfen. Da wir ein Forschungsprojekt im Münchner Bahnhofsviertel durchführen, haben wir einmal nachgefragt. So ist die Bahnhofsmission als eine Einrichtung der Daseinsvorsorge rund um die Uhr geöffnet und hat eine Auffangfunktion, weil andere Einrichtungen wie eine Suppenküche jetzt geschlossen sind. Der Übernachtungsschutz in einer ehemaligen Kaserne hat zwar nur noch Einzelzimmer, aber dafür rund um die Uhr geöffnet und einen Quarantänebereich eingerichtet. Beim Drogennotdienst ist das offene Café im Kontaktladen geschlossen und der Spritzentausch läuft über ein Apothekerfenster. Die Essensausgabe ist von Lieferungen der Tafel abhängig und die Notschlafstellen wurden reduziert, um die Unterbringung in Einzelzimmern sicherzustellen. Manche Kontaktläden sind zu, andere arbeiten mit verminderter Platzanzahl an Einzeltischen weiter, um den Sicherheitsabstand zu gewährleisten. Duschmöglichkeiten gibt es oft nicht mehr und auch Kleiderkammern sind geschlossen. Die mobile Gesundheitsversorgung funktioniert noch. In allen Einrichtungen wurden die Hygienestandards und Vorsorgemaßnahmen angepasst. Die Bordelle sind geschlossen; im Unterschied zu anderen Städten können die betroffenen Frauen dort bleiben. Die spürbare Verringerung der Kapazitäten bedeutet für Obdachlose, eine noch größere Abhängigkeit vom öffentlichen Raum und durch das Kontaktverbot eine noch größere soziale Isolation.

Was ist das zentrale Anliegen Ihres heutigen Zwischenrufes?

Mir sind zwei Dinge wichtig. Erstens möchte ich das pauschale Egoismus-Framing hinterfragen, wenn Menschen sich nicht an Empfehlungen oder Verbote halten. Das Framing als Egoismus bietet eine einfache Problemdefinition durch das Außerachtlassen der sozialen Distanzierung. Das Framing bietet eine kausale Interpretation, der Coronavirus verbreitet sich durch Nähe schneller. Das Framing bietet eine moralische Bewertung, der egoistische Mensch sei schlecht. Und schließlich gibt das Framing die Handlungsempfehlung „Bleibt zu Hause“. Egoismus mag auch ein Motiv sein, aber der Umgang mit Gefährdungen und Risiken ist für uns Menschen eine Herausforderung, die sich unterschiedlich äußert. Verdrängung ist beispielsweise ebenfalls eine von mir noch nicht erwähnte, beliebte Strategie. Die von mir aufgegriffenen Beispiele, Jugendliche und marginalisierte Menschen, zeigen, dass die Gefühlswelten und die Lebenslagen viel komplexer als bloße Vereinfachungen sind.
Zweitens möchte ich für die schwierigen Lebensverhältnisse marginalisierter Gruppen während der Coronavirus-Pandemie sensibilisieren. Wenngleich sich das Leben für viele Menschen, die Existenzängste haben und in kleinen Wohnungen alleine oder aufeinander hocken, erheblich verschlechtert hat, gestaltet sich die Lebenssituation für Menschen auf der Straße noch schwieriger. Elementare Überlebenshilfen wie eine warme Mahlzeit, Duschen, ein Schlafplatz, ein Platz im Warmen tagsüber und der Kleiderwechsel fallen weg oder sind nur noch eingeschränkt verfügbar. Es stellt sich die Frage, wie in den nächsten Wochen die Notversorgung dieser Menschen gewährleistet wird und wo sie sich im öffentlichen Raum aufhalten dürfen. Das Kontaktverbot und Ausgangsbeschränkungen im öffentlichen Raum sowie der Wegfall von Aufenthaltsmöglichkeiten in geschlossenen Räumen machen das Leben schwerer.

Abschließend bitte ich Sie um eine kurze zusammenfassende Aussage zu Ihrem heutigen Anliegen.

Der zurzeit oft erwähnte soziale Zusammenhalt zeigt sich nicht nur in der sozialen Distanzierung, der Anerkennung der Leistungen von unter anderem Kranken- und Altenpflegekräften, Verkaufspersonal, Polizei- und Ordnungsdiensten sowie der Nachbarschaftshilfe für Ältere. Vielmehr geht es auch um Verständnis für die Motive von Kindern und Jugendlichen. Nicht zu vergessen ist, dass manche keinen Rückzugsraum zu Hause haben und andere mehr häuslicher Gewalt ausgesetzt sind. Und schließlich sind marginalisierte Gruppen, zu denen auch Geflüchtete in Gemeinschaftsunterkünften gehören, besonders gefährdet und haben einen besonderen Hilfsbedarf.

Frau Professorin Haverkamp, haben Sie herzlichen Dank für diesen Zwischenruf und bleiben Sie gesund!

Prof. Dr. Rita Haverkamp
Stiftungsprofessur für Kriminalprävention und Risikomanagement an der Juristischen Fakultät der Eberhard Karls Universität Tübingen
Geschwister-Scholl-Platz
72074 Tübingen
https://www.jura.uni-tuebingen.de/professoren_und_dozenten/haverkamp
aktuelle Forschungsprojekte:
https://www.jura.uni-tuebingen.de/professoren_und_dozenten/haverkamp/projekte

 

 

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