07.12.2025

Tägliche Präventions-News Nr.194 zum Themenkomplex Prävention in/nach Zeiten der Corona-Pandemie

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(1) Deutscher Bundestag: Experten zur Lage von Menschen mit Long-Covid und Post-Vac

(hib/AHE) Mit eindringlichen und teilweise aufwühlenden Schilderungen zu Long-Covid und Post-Vac haben Sachverständige in der achten Sitzung der Enquete-Kommission Corona die Lebenslagen vieler Menschen in Deutschland thematisiert. Gleich zu Beginn umriss Carmen Scheibenbogen die Ausgangssituation. „Wenige Ärzte haben Expertise, es gibt kaum Spezialambulanzen“, sagte die Charité-Professorin und stellvertretende Leiterin des Instituts für Medizinische Immunologie. „Wirksame Medikamente fehlen ganz.“ Demgegenüber gab sie zu bedenken, dass laut einer Studie aus Leipzig 80 Prozent der Erkrankten über Stigmatisierungserfahrungen berichten würden.

Die Enquete-Kommission des Bundestags durchleuchtete am Montag neben dem Schutz vulnerabler Gruppen die dauerhaften gesundheitlichen Folgen einer Corona-Infektion (Long-Covid) und auch die Impfschäden (Post-Vac). Nach Angaben von Scheibenbogen sind fünf Prozent der Bevölkerung von Long-Covid betroffen, rund fünf je 100.000 Menschen erleiden Post-Vac. „Mehr als 1,5 Millionen Menschen in Deutschland leben entweder mit Longcovid oder ME/CFS“, einem chronisches Erschöpfungssyndrom, „der schwersten Form von Longcovid“, sagte Ricarda Piepenhagen, Gründerin des Zusammenschlusses „NichtGenesen“. Diese 1,5 Millionen Menschen, die durch die Schwere der Erkrankung häufig erwerbsunfähig geworden seien, kosten Schätzungen zufolge Deutschland circa 63 Milliarden Euro jährlich. 

Ramona Gerlinger vom Bundesverein Impfgeschädigter e.V. beschrieb, die Betroffenen hätten „Probleme im kompletten Umfeld, sie sind permanent krankgeschrieben, sie verzweifeln an ihrer Situation“. Sie rief zu mehr Initiative auf. Es müsse mehr getan werden bei Forschung und Behandlungsmethoden. Auch sei von hohen Dunkelziffern auszugehen. Von 14.000 bekannten Anträgen auf Anerkennung von Impfschäden seien nur 600 anerkannt worden. Als Mutter einer an Long-Covid erkrankten Tochter berichtete Elena Lierck von „NichtGenesenKids“, dass ihr Verein jeden Tag mehr Anfragen erhalte. „Sich nicht adäquat mit der Erkrankung auseinanderzusetzen, darf nicht länger hingenommen werden“, appellierte sie. „Ich fordere erneut die deutschlandweite Aufklärungskampagne.“ Sie schilderte die Probleme junger Long-Covid-Erkrankter, am Schulunterricht teilzunehmen. Die Schule habe sich dem Kind anzupassen und nicht umgekehrt. „Es funktioniert nicht mit Druck.“

Stigmatisierungserfahrungen bestätigte Holger Lange vom Sozialverband VdK Deutschlands. „Das berichten uns auch die Betroffenen in unserer Rechtsberatung“, sagte der Experte. „Wer vor der Krise verletzlich war, war in der Krise am stärksten gefährdet - und ist es vielfach noch heute.“ Lange forderte klar geregelte Versorgungsphasen vom Hausarzt bis zur Reha- und Teilhabeleistung. „Wir haben ein Zuständigkeitslabyrinth.“ Scheibenbogen kritisierte, dass nicht genügend in die Erforschung neuer Medikamente investiert werde. „Bisher werden solche Therapiestudien von der pharmazeutischen Industrie nicht unterstützt.“ Sie sprach von „vielversprechenden Ergebnissen“ mit bereits zugelassenen Medikamenten an der Charité zur Entfernung von Auto-Antikörpern. Diese sogenannte Imunadsorption sei zwar kein heilendes Verfahren, verschaffe aber zwei Dritteln der Behandelten Besserung. „Wir sind seit einem Jahr nicht in der Lage, diese Studie fortzusetzen“, sagte sie mit Blick auf vom Bundestag zugesagte acht Millionen Euro, die erst zu einem Teil geflossen seien. 

Auch die sozialen Faktoren der Pandemie wurden angeschnitten. „Arme sind häufiger und stärker erkrankt gewesen“, zitierte Lange vom Sozialverband VdK eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung. „Für Arbeiter gab es kein Homeoffice“, sie seien somit stärker betroffen gewesen von Kurzarbeit. Eva-Maria Welskop-Deffaa, Präsidentin des Deutschen Caritasverbands, berichtete von den sozialen Folgen für Kinder und Jugendliche: Nicht nur Ältere seien vulnerabel gewesen. Sie beschrieb, wie die Mitarbeitenden in sozialen Einrichtungen selbst vulnerabel wurden: „Sie müssen sich einem erhöhten Infektionsrisiko aussetzen und doppelte Lasten tragen, auch bei der Organisation ihres eigenen Privatlebens“, sagte die Sachverständige. „Ein funktionierender Sozialstaat für alle ist die allerwichtigste Voraussetzung dafür, um eine Corona-Krise bestehen zu können.“ 

Auf die Frage der AfD, ob nicht jeder Fall von Long-Covid auch ein Fall von Post-Vac sein könne, antwortete Medizinerin Scheibenbogen mit Erfahrungen aus den verschiedenen Jahren. 2020 und 2021 seien viele Menschen noch nicht geimpft gewesen, aber es gebe für diesen Zeitraum ähnliche Zahlen von Long-Covid-Fällen wie heute - wo nun rund 80 Prozent der Bevölkerung geimpft seien. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir es nicht mit Impffolgen zu tun haben“, sagte sie mit Blick auf Long-Covid. Und zu den Impfungen: „Die Chance ist um ein Vielfaches höher, nicht an Long-Covid zu erkranken als das Risiko, Post-Vac zu erleiden.“
 

(2) Abschlusstagung der BMFTR-Förderlinie "Gesellschaftliche Auswirkungen der Corona-Pandemie"

Bei der Abschlusstagung am 6. und 7. November 2025 kamen die vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) geförderten Projekte der Förderlinie „Gesellschaftliche Auswirkungen der Corona-Pandemie – Forschung für Integration, Teilhabe und Erneuerung“ zusammen. In sieben Sessions wurden ihre Forschungsergebnisse vorgestellt und mit Fachpublikum diskutiert. Die Projektergebnisse wurden in sieben thematischen Sessions vorgestellt und jeweils kurz diskutiert:

  • Einsamkeit und die Qualität von Beziehungen spielten eine entscheidende Rolle für die mentale Gesundheit. Vulnerable Gruppen wie Long-Covid-Betroffene oder ältere Menschen erfuhren Stigmatisierung, ebenso wie Geimpfte und Nicht-Geimpfte in ihren jeweiligen Netzwerken.
  • Die Pandemie machte prekäre Zustände im Pflegebereich sichtbar. Neben der Entwicklung eines Online-Kurses wurden Copingstrategien untersucht und die Notwendigkeit betont, Pflegeausbildung und -arbeit gesellschaftlich stärker zu würdigen, um künftige Krisen besser bewältigen zu können.
  • Ein Untersuchungsgegenstand war, wie Unterstützungsnetzwerke für junge Zugewanderte während der Pandemie funktionierten: Digitale Kommunikation war nur dort erfolgreich, wo zuvor persönliche Kontakte bestanden. Die Diskussion zeigte, dass gerade kommunales Verwaltungshandeln neue Chancen für die Krisenbewältigung eröffnet.
  • Analysen zu Meinungsdynamiken belegten ein wiederkehrendes Muster in der Corona-Pandemie wie auch in anderen Krisen: zunächst stieg das Vertrauen in Regierung und Demokratie, bevor es in Ungeduld und Kritik umschlug.
  • Jugendliche berichteten nach der Pandemie von hoher Lebenszufriedenheit einerseits, von Ängsten vor Krisen andererseits sowie von starker Belastung durch Cybermobbing und emotionaler Erschöpfung. Psychische Gesundheit erwies sich als das zentrale Thema, das auch Unternehmen zunehmend adressieren müssen.
  • Die Pandemie wirkte als emotional-sozialer Schock auf Schülerinnen und Schüler. Gleichzeitig führte sie zu einem Digitalisierungsschub im Bildungssystem, der ohne die Krise kaum denkbar gewesen wäre.
  • Die Pandemie stellte arbeitsbedingte Risiken neu dar und rückte psychische Gesundheit stärker in den Fokus. Positiv hervorgehoben wurden verbesserte Kooperation zwischen Arbeitgebern und Beschäftigten sowie die nachhaltige Etablierung von Homeoffice in vielen Bereichen.

Quelle und mehr

Ein Service des deutschen Präventionstages.
www.praeventionstag.de

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