Präventionsrede 2017

Prof. em. Dr. med Wielant Machleidt
Medizinische Hochschule Hannover

Bei der Integration von Arbeitsmigranten und Flüchtlingen in die deutsche Gesellschaft geht es für die Neuankömmlinge um den Aufbau und die Gestaltung eines neuen Lebensmittelpunktes in der Fremde. Diese komplexe Aufgabe ist entwicklungspsychologisch so aufwendig wie die normale Adoleszenz, in der ungeahnte kreative Kräfte und Ressourcen der aktiven Selbstgestaltung zur Verfügung stehen, um die Ablösung vom Elternhaus und das Hineinwachsen in die Gesellschaft erfolgreich zu bewältigen. Der Wechsel des kulturellen gesellschaftlichen Kontextes durch Migration ist ein ebenso starker Stimulus für die Persönlichkeitsentwicklung und wird deshalb als „kulturelle Adoleszenz“ bezeichnet. Die Gemeinsamkeiten von normaler und kultureller Adoleszenz bestehen darin, dass die Aufgaben des Adoleszenten beim Hineinwachsen in die Gesellschaft von Migranten gleich welchen Alters bei der Integration in die Aufnahmegesellschaft in analoger Weise erbracht werden müssen. Dabei geht es um die Bewältigung der Fremdheitserfahrungen, die Entwicklung einer bikulturellen Identität, die Übernahme neuer beruflicher Rollen, die Absicherung der Existenz, die Neugestaltung der familiären Beziehungen, das Betrauern von Verlusten u.v.a.m. Pointiert formuliert, muss von Migranten der „Zusammenprall der Kulturen im eigenen Selbst“ und dessen Folgen bewältigt werden, um die Integrationsprozesse im Aufnahmeland erfolgreich zu gestalten. Für deren Gelingen sind förderliche soziale Bedingungen die beste Prävention.

Literatur:
Machleidt W, Heinz A (Hrsg.): Praxis der interkulturellen Psychiatrie und Psychotherapie. Migration und psychische Gesundheit. Urban und Fischer Elsevier, München, Jena, 612 S., 2011
Machleidt W: Kultur, Migration und psychische Gesundheit. Lindauer Beiträge. Kohlhammer, Stuttgart, 120 S., 2013

Zitation

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