Aus dem Jahr:

dpt-i Blog



20.12.2013

Präventionsforschung auf Europäisch

Von der Society for Prevention Research  - SPR hatte ich bereits in meinen ersten Blog-Einträgen berichtet. Seit einigen Jahren besteht ein europäischer Ableger, die European Society for Prevention Research -  EUSPR, deren 4. Jahrestagung vom 13. – 15. November 2013 in Paris stattfand. „Präventionswissenschaft“ wird bei der EUSPR wie bei der SPR so verstanden, dass die auf viele Einzeldisziplinen zersplitterte Forschung (z.B. Psychologie, Medizin, Kriminologie etc.) zu einem produktiven Austausch gebracht und die Zusammenarbeit gefördert werden soll. Auch in Europa wird der Bedarf an einer Stärkung der Präventionsforschung nicht nur von wissenschaftlicher Seite, sondern auch von Praktikern und Entscheidungsträgern zunehmend gesehen.

Mit ca. 180 Teilnehmern ist die EUSPR – Jahrestagung eher noch eine überschaubare Veranstaltung, aber immerhin wächst die Tagung jedes Jahr ein wenig. Dieses Jahr waren die Programmgestalter auch ein wenig selbstbewusster als bei der letzten Jahrestagung Ende 2012 in Krakau, bei der die Plenarveranstaltungen hauptsächlich mit Vorträgen aus dem US-Kontext besetzt wurden und die europäische Forschung in der zweiten Reihe in den parallelen Sessions stattfand. Dieses Jahr war das Verhältnis viel besser austariert.

Das Hauptthema der vierten Tagung war „Unterschiede bei Ergebnissen von Prävention verstehen“. Hinter dieser recht global wirkenden Themenstellung steckt die viel spezifischere Fragestellung, was beim Transfer von Präventionskonzepten und –programmen über Länder-, Kontinent- oder kulturelle Grenzen hinweg passiert und wie der Einfluss von Kontextbedingungen auf die Wirksamkeit von Maßnahmen untersucht und bewertet werden kann. Alle Präsentation sollen demnächst auf der EUSPR – Konferenzwebsite eingestellt werden, ich möchte im Folgenden kurz einige Eindrücke und Erkenntnisse skizzieren:

Frances Gardner von der Universität in Oxford brachte in der ersten Plenary Session eine gute Einführung in methodische Fragen zur Untersuchung von unterschiedlichen Outcomes. Worum es hier methodisch gesprochen geht, ist der Einfluss von „Moderator – Variablen“ (wie z.B. soziale Benachteiligung, die ungleich unter den Teilnehmern einer Präventionsmaßnahme verteilt sein kann). Über Subgruppen – Analysen von Teilnehmern kann der Einfluss von Moderator – Variablen untersucht werden (also z.B.: ist die Maßnahme unterschiedlich wirksam bei Personen mit hohem oder niedrigem sozialen Status?). Gezeigt am Beispiel von Familien- und Elternprogrammen sind die Ergebnisse unklar: in einigen Studien schneiden Familien mit niedrigerem sozialen Status schlechter ab, in anderen Studien nicht. Die statistischen Beschränkungen von Meta-Analysen (zu wenige aussagekräftige Studien für differenzierte Berechnungen von Subgruppen-Ergebnissen) ist ein Grund für diese unbefriedigende Situation.

Die Subgruppen – Analysen von Federica Vigna-Taglianti (Universität Turin) zu geschlechtsspezifischen Unterschieden beim Unplugged – Programm (deutsch hier) in mehreren europäischen Ländern lieferte Hinweise auf evtl. nötige Weiterentwicklungen des Curriculums. Viele weitere Vorträge beschäftigten sich mit Subgruppen – Analysen dieser Art bei einzelnen Programmen oder bei Vergleichen von einzelnen Programmen. D.h. auch in dieser Hinsicht öffnet sich die oft kritisierte „black-box“ bei Kontrollgruppen – Wirkungsevaluationen zusehends. Vor etlichen Jahren schien es ausreichend festzustellen, dass Interventionsgruppen im Vergleich zu Kontrollgruppen besser oder schlechter abschneiden. In den letzten Jahren entwickeln sich die Methoden mehr und mehr, mit denen versucht wird herauszufinden, welche Umstände die Wirksamkeit in welcher Weise beeinflussen, seien es die einzelnen Bestandteile der Programme (Mediatoren – Analyse) oder eben die jeweiligen Rahmenbedingungen (Moderatoren – Analyse).

Als besonders innovativ ist in diesem Zusammenhang der Ansatz von Linda Collins (Penn State University, USA) hervorzuheben. Mit der „Multiphase Optimization Strategy – MOST“ stellte sie eine methodisch sehr ausgefeilte Analyse-Strategie vor, die „black box“ zu öffnen und einzelne Bestandteile von Programmen differenziert zu betrachten.

Interessante Beispiele für weitere Analysen wurden z.B. in dem Vortrag von Josipa Mihic von der Universität Zagreb vorgestellt (hier ging es um den Einfluss von Trainings zur Qualitätsentwicklung auf die Wirksamkeit von lokalen Programmen in Kroatien) oder in einem weiteren Vortrag von Frances Gardner zur Wirksamkeit von Familien- und Elternprogrammen in unterschiedlichen Ländern: zwar ist die Datenbasis noch klein und die Ergebnisse sind daher vorläufig, doch deutet sich derzeit an, dass die Effektstärken von Programmen, die im US- und Westeuropäischen Kontext entwickelt wurden, in sich entwickelnden und Schwellenländern höher sein können als in den „Ursprungsländern“. In diese Linie passte auch die überraschende Präsentation aus Brasilien, wo mit Förderung durch das dortige Gesundheits- und Erziehungsministerium drei Präventionsprogramme (Good Behavior Game für die Grundschule, Unplugged für die weiterführende Schule und das Familienprogramm „Strengthening Families“ in parallelen, groß angelegten Kontrollgruppenversuchen eingeführt werden.

In der zweiten Plenary Session über Kontextfaktoren waren weitere gesellschaftliche Rahmenbedingungen Thema. Spannend war für mich z.B. die Analyse von Jeanne Poduska (die v.a. über das Good Behavior Game - GBG forscht), dass selbst eine vergleichsweise „unkomplizierte“ und überschaubare Intervention wie das GBG (eine klassenraumbasierte Methode zur Reduktion von Unterrichtsstörungen, deutsch als „KlasseKinderSpiel“) auf positive Rahmenbedingungen im community – Kontext zur nachhaltigen Wirksamkeit angewiesen ist. Mit meinem eigenen Vortrag über „Communities That Care“ und seine Übertragung über Grenzen hinweg konnte ich gut daran anschließen, da die Beeinflussung von Kontextbedingungen auf kommunaler Ebene eines der Ziele des CTC - Ansatzes ist.

Einen Ausblick auf das Thema der nächsten Jahrestagung der EUSPR in 2014 ("economics of prevention") stellte zum Abschluss der Tagung Franco Sassi von der OECD vor. Seine Analysen über die möglichen Einspareffekte von Präventionsmaßnahmen für die öffentliche Hand sind eher ernüchternd, weil die Effekte demnach nicht so groß auszufallen scheinen, wie manche das erwarten würden. Es bleibt also spannend, zukünftig mehr Forschungsergebnisse hierzu zu erfahren. 

16.10.2013

Führen Anti-Mobbing-Programme an Schulen zu mehr Mobbing?

Die Frage nach möglichen schädlichen Auswirkungen von Präventionsprogrammen war schon mehrfach Thema in diesem Blog (s.u.). Nun ist eine neue Studie erschienen, die einen weiteren Beitrag zu dieser Diskussion liefert. Zwei Autoren von der Universität Texas Arlington haben unter dem Titel "A Multilevel Examination of Peer Victimization and Bullying Prevention in Schools" im "Journal for Criminology" neue Studienergebnisse zur Mobbingprävention an Schulen veröffentlicht.

Diese Studie hat nun schon kurz nach der Veröffentlichung für einigen Wirbel in der Fachgemeinde gesorgt. Die Autoren Jeong und Lee haben Daten aus der us-amerikanischen HBSC - Studie ("Health Behavior in School-aged Children") von 2005-2006 ausgewertet. Die HBSC-Studie ist eine alle 4 Jahre stattfindende internationale Befragung zur Kinder- und Jugendgesundheit unter der Schirmherrschaft der Weltgesundheitsorganisation WHO und wurde auch in Deutschland durchgeführt. 

Die HBSC - Studie enthält auch Fragen zu (körperlichen und emotionalen) Opfererfahrungen durch Mobbing von Gleichaltrigen an der Schule. In den USA wurde die Studie begleitet durch eine Befragung von Schulpersonal zum Schulklima und zu Präventionsaktivitäten gegen Mobbing.

Die Daten der Schüler an den Schulen, bei denen Aussagen zu Schulklima und Präventionsaktivitäten vorlagen, wurden für die Analyse herangezogen. Einige der Ergebnisse gingen in die erwartete Richtung (z.B. erfahrene Unterstützung durch Eltern und Gleichaltrige verringerte die Wahrscheinlichkeit, Opfer von Mobbing zu werden), bezüglich der Präventionsaktivitäten war der Zusammenhang allerdings unerwartet negativ: an Schulen mit berichteter Mobbingprävention war die Wahrscheinlichkeit der Opferwerdung höher als an den Schulen ohne solche Maßnahmen.

Die Autoren versuchen dieses überraschende Ergebnis damit zu erklären, dass die Täter durch solche Programme möglicherweise Wissen über Mobbing und über die Erwartungen von Eltern und Lehrern bekommen, die ihnen helfen, passende Ausweichstrategien zu finden (siehe auch die Pressemeldung der Universität Texas Arlington).

Betrachtet man die Belastbarkeit der Ergebnisse, wird deutlich, dass man bei der Interpretation sehr vorsichtig sein sollte. Auf die vorhandenen Grenzen weisen die Autoren zwar selbst hin, allerdings sind die Einschränkungen m.E. recht schwerwiegend. Vor allem zwei Aspekte möchte ich hier vorheben:

Zum einen handelt es sich lediglich um "Querschnittdaten" ohne zeitliche Dimension. Erst im Längsschnitt läßt sich ermitteln, ob die erhöhte Opferwerdung eine Folge der Maßnahmen ist, oder die Maßnahmen eine Folge der Opferwerdung. Mit anderen Worten: es ist nicht auszuschließen (und sogar recht plausibel), dass Schulen mit einem hohen Niveau an Mobbing öfter zur Einführung von entsprechenden Präventionsmaßnahmen greifen als Schulen mit einem geringeren Niveau. Wenn dem so ist, sagt das Ergebnis der Studie nichts über die Wirksamkeit der Maßnahmen aus, weil das jeweilige Problemniveau vor Einführung der Programme nicht bekannt ist.

Zum anderen ist wenig über die Art und Qualität der jeweiligen Maßnahmen bekannt (es ging nur um die Erfassung: Anti-Mobbing-Programm ja / nein). D.h eine Minderheit von wirksamen Programmen kann durch eine Mehrheit von unwirksamen oder schlecht durchgeführten Maßnahmen auf diese Weise "unsichtbar" für die Analyse werden.

Also alles nur eine Aufregung um nichts? Das sollte nicht das Fazit sein. Einzelstudien zu verschiedenen Programmen wie auch Metaanalysen von Studien (z.B. der "Campbell Collaboration") zeigen zwar oftmals die Wirksamkeit von Anti-Mobbing-Programmen an Schulen auf, aber dies gilt eben nicht immer und nicht unter allen Umständen. Manche an einem Ort wirksame Programme erweisen sich an anderen Orten als unwirksam. Dringender Forschungsbedarf besteht also weiterhin.

      

27.08.2013

Prävention durch Abschreckung? Ein Update zu Gefängnisbesuchsprogrammen.

Mit Jugendlichen, vornehmlich Schulklassen, Gefängnisse zu besuchen, erfreut sich einer gewissen Beliebtheit in Präventionskreisen. Man erhofft sich davon anscheinend eine abschreckende Wirkung oder zumindest Einsichten bei den Jugendlichen über die Widrigkeiten eines Gefängnisaufenthalts. Das Ziel, Jugendliche von der Begehung von Straftaten abhalten zu wollen, ist gut gemeint - aber wie so oft ist gut gemeint das Gegenteil von gut gemacht.

Die Forschungslage zu Gefängnisbesuchsprogrammen ist zwar lückenhaft und eher spärlich, aber in ihren Ergebnissen so eindeutig, wie es sonst selten der Fall ist. Mehrere Überblicksarbeiten bestehen zu diesem Thema, die bekannteste Zusammfassung von Studien hat die Campbell Collaboration 2002 vorgelegt und weiter fortgeschrieben. Aktuell ist ein Update des Reviews "Scared Straight and Other Juvenile Awareness Programs for Preventing Juvenile Delinquency" erschienen. Der Name "Scared Straight" bezieht sich auf ein in den USA recht populäres Format, bei dem die einschüchternd organisierten Gefängnisbesuche im Fernsehen ausgestrahlt werden.

Die Evaluationsergebnisse zu Gefängnisbesuchsprogrammen sind -wie gesagt- eindeutig: alle auffindbaren Studien, die mit Kontrollgruppen arbeiten, kommen zu dem Ergebniss, dass keine positiven Wirkungen feststellbar sind. Die Mehrheit der Studien zeigt für die Gruppe der Jugendlichen, die an den Programmen teilnehmen, sogar eine negative Entwicklung (d.h. in der Folge mehr Delinquenz) im Vergleich zur Kontrollgruppe auf. Das Update bestätigt dieses Ergebnis, weil seit etlichen Jahren keine neuen Veröffentlichungen mehr zu Gefängnisbesuchsprogrammen finden sind. Die Autoren erklären sich das so, dass es aufgrund der Eindeutigkeit der Ergebnisse schwer sein dürfte, überhaupt noch Forschungsmittel dafür zu finden.

Für Deutschland sieht die Lage anders aus. Eine Studie, die die Wirkung der deutschen Ansätze untersucht, konnte bisher nicht identifiziert werden. Sicher wird man einwenden können, dass die Zielgruppen z.T. andere sind (vornehmlich bereits belastete Jugendliche in den USA, meist ganze Schulklassen in Deutschland) oder auch die Methoden (Abschreckung dort, Aufklärung hier) - wobei eine USA-Studie auch ein nicht-konfrontatives Gefängnisbesuchsprogramm untersucht hat, mit demselben negativen Ergebnis.

Diese und andere methodische Einschränkungen einberechnet, bleibt trotz allem das eigentlich erklärungsbedürftige Phänomen die Hartnäckigkeit, mit der sich Gefängnisbesuchprogramme für Jugendliche in der Praxis halten. Oder, mit den treffenden Worten der Autoren des Campbell-Reviews: "Würden Sie einem Arzt eine Behandlungsmethode an ihrem Kind erlauben, die eine ebensolche Bilanz an Ergebnissen aufweist?" 

06.08.2013

Übertragbarkeit von Präventionsprogrammen: werden kulturelle Unterschiede überschätzt?

Viele evaluierte Präventionsprogramme auf dem Markt haben ihren Urspung in anderen Ländern, insbesondere aus dem nordamerikanischen Raum. Ob und unter welchen Umständen sich Präventionsprogramme, die in anderen "Kulturen" entstanden sind, auch im europäischen / deutschen Kontext einsetzen lassen, ist Gegenstand einer andauernden Kontroverse. Daher kann man über Beiträge, die dieses Thema näher beleuchten, nur danbkbar sein. Die Ergebnisse von Wirkungsevaluationen von Programmen mit Ursprung aus Nordamerika in Europa sind z.T. vielversprechend, aber uneinheitlich. Einige Programme zeigen positive Wirkungen in einem Land (z.B. die Multisystemische Therapie MST in Norwegen), während sich in anderen Ländern keine Wirkungen feststellen lassen (MST in Schweden). Dass in der Tendenz aber viele Hinweise auf eine Übertragbarkeit vorliegen, zeigt eine aktuelle Untersuchung von Gregor Burkhart von der Europäischen Drogen-Monitoringsstelle EMCDDA. Seine Ergebnisse hatte er bereits in einem Vortrag auf dem 18. Präventionstag in Bielefeld vorgestellt (bald in der DPT - Dokumentation). Nun ist auch die dazugehörige Studie unter dem Titel "North American drug prevention programmes; are they feasible in European cultures and contexts?" verfügbar. 

Vier Ansätze werden in der Studie näher beleuchtet: Preventure; das "Good Behavior Game" (GBG, in Deutschland verfügbar als "Klassekinderspiel"); das "Strenghtening Family Program" (SFP, eine deutsche Adaption wird derzeit getestet unter dem Namen "Familien stärken") und "Communities That Care" (in Deutschland wurde CTC adaptiert vom Landespräventionsrat Niedersachsen). In der Studie werden die derzeitigen Evaluationsergebnisse zu den vier Ansätzen zusammengetragen, ebenso die Resultate einer Expertenbefragung. Durch die EMCDDA wurden europaweit Experten, die in den jeweiligen Ländern mit der Adaption, Einführung und Evaluation der vier Ansätze befasst waren, über ihre Erfahrungen befragt.

Das Fazit lautet kurzgefasst, dass die meist positiven Evaluationsergebnisse und die Erfahrungen der Experten eine generelle Skepsis über die Übertragbarkeit der Progamme nicht stützen. Der Autor versucht die oft undifferenzierte Annahme von "kulturellen Unterschieden" in ein engeres Konzept von "Kultur" (Werte, Einstellungen und Normen) und von "Kontext" (institutionelle und organisatorische Rahmenbedingungen) zu unterscheiden. So betrachtet, ist weniger die Anpassung an die jeweilige Kultur eine große Hürde (z.B. die sprachliche Übersetzung, der Austausch von unangemessenen Begriffen, Bildern und Beispielen) - herausfordernder ist die Anpassung an den jeweiligen institutionellen Kontext, ohne die Integrität des jeweiligen Ansatzes zu beschädigen. Dazu sind bei den Programmen Lösungen gefunden worden - teilweise aufwendig, aber nach Aussage vieler Experten weniger aufwendig, als solche Programme von Grund auf neu zu entwickeln.

Mein Eindruck bei der sehr lohnenswerten Lektüre war, dass sich die Aussage der Studie so zuspitzen läßt: es scheint leichter zu sein, das Problem der Übertragbarkeit für die jeweiligen Zielgruppe (z.B. Schüler beim schulbasierten Programm GBG) zu lösen, als für die Akzeptanz der Maßnahme bei den Ausführenden (in diesem Beispiel also die Lehrer), wenn das Programm deren gewohnten Arbeits-Routinen und professionellen Alltagstheorien nicht entspricht (z.B. Vorbehalte gegenüber zuviel Lob und positiver Bestärkung). Die Frage des Wandels von "professionellen Kulturen" rückt für die Übertragbarkeit über Ländergrenzen hinweg damit in den Vordergrund - gegenüber der Annahme, dass eine Maßnahme nicht für die Zielgruppe passend sei (was eben auch ein professionelles Vorurteil sein kann).

25.07.2013

Evaluation ohne Evidenz?

Die Deutsche Gesellschaft für Evaluation e.V. (DeGEval) hat sich in einem aktuellen Positionspapier mit dem Thema "Evidenz und Evaluation" auseinandergesetzt. Das Papier ist entstanden, nachdem die DeGEval auf ihrer Jahrestagung 2012 dieses Thema diskutiert hat. Einige Aussagen in dem Papier reizen mich zum Widerspruch.

Die Autoren beschreiben darin eine gesellschaftliche Entwicklung, in der Auftraggeber von Evaluationen zunehmend ein "entwickeltes Verständnis und vertieftes Wissen" (alle Zitate stammen aus dem Positionspapier) über Evaluation besitzen, und an Evaluationen immer häufiger den Anspruch stellen, "Evidenzen - im Sinne von robusten Belegen - für die Wirksamkeit von Interventionen zu liefern". Anstatt sich über diesen Umstand zu freuen und methodisch zu diskutieren, wie man diesem Anspruch näher kommen könnte, melden die Autoren Bedenken an. Jenseits der im Subtext mitschwingenden Enttäuschung über den Verlust des Deutungsmonopols von professionellen Evaluatoren befürchten die Vertreter der DeGEeval nun eine Einschränkung des "breiten thematischen und methodischen Spektrums von Evaluationen".
Hintergrund dieser Annahme ist Diskussion über den "Goldstandard" der Wirkungsevaluation, also die These, dass Evidenzen in dem oben genannten Sinn nur durch die Durchführung von Kontrollgruppenexperimenten mit Zufallszuweisung möglich seien (RCT - Randomized Controlled Trial). Gegen RCTs werden dann in dem Positionspapier die üblichen Argumente vorgebracht, die vornehmlich darauf abzielen, dass sie nun mal schwer unsetzbar seien.

Die Breite oder Enge eines Methodenspektrums gegen ein legitimes Erkenntnisinteresse aufzubringen, halte ich für einen recht schiefen Ansatz. Die vorgebrachten Argumente sind auch nur vordergründig stichhaltig, bzw. es ist unklar, worin das Argument bestehen soll: Für viele Interventionen ist ein RCT sicher nicht geeignet (wenn z.B. ein logisches Wirkmodell fehlt): nur spricht das gegen die Evaluationsmethode oder gegen die Intervention? Auch das benannte ethische Problem (Kontrollgruppen erhalten die Intervention nicht) relativiert sich sehr schnell, wenn man das ethische Problem bedenkt, dass derzeit die Teilnehmer den meisten Interventionen ohne Wirkungsüberprüfung ausgesetzt werden, also den Zielgruppen auch unüberprüft geschadet werden kann.

Realistisch betrachtet steht derzeit eine kleine Anzahl von Wirkungsevaluationen mit einem wie auch immer gearteten Kontrollgruppendesign einer überwiegenden Mehrzahl von anderen Evaluationsstudien gegenüber. Andreas Beelmann und Kollegen veröffentlichen demnächst eine Meta-Analyse von Wirksamkeitstudien im deutschsprachigen Raum im Bereich der Gesundheitsförderung und Prävention bei Kindern und Jugendlichen (Beelmann, Pfost, Schmitt 2013, in Zeitschrift für Gesundheitspsychologie, im Druck). In der Meta-Analyse wurden 146 Studien mit Kontrollgruppendesign im Zeitraum von 1971 - 2010 identifiziert. Aus dieser Zahl können zwei Aussagen abgeleitet werden: auch im deutschsprachigen Raum sind Kontrollgruppenstudien durchführbar und werden durchgeführt - angesichts der abertausenden Studien mit anderen Designs ist allerdings kaum zu erwarten, dass eine Erhöhung ihrer Anzahl zu einer Verarmung des Methodenspektrums führen würde. 

Sehr fragwürdig und problematisch scheint mir auch die Argumentation im DeGEval - Papier zu sein, wo es um die Frage geht "was quantitative Effektstärken (der gemessene Unterschied zwischen Interventions- und Kontrollgruppen nach der Intervention, FGR) inhaltlich aussagen". Ich würde eher fragen, was z.B. Ergebnisse über die Prozessqualität o.ä. inhaltlich aussagen, wenn gar nicht bekannt ist, ob die Intervention überhaupt zu dem gewünschten Ergebnis (z.B. mehr Kompetenzen oder weniger Probleme bei den Teilnehmern) führt? Nicht berücksichtigt wird in dem Papier auch, dass unser Wissen über "nicht beabsichtigte oder sogar negative Effekte von Programmen" v.a. aus Effektstudien und den Meta-Analysen von Effektstudien z.B. der Campbell - Collaboration stammt. Dass "Evidenzen auch dazu dienen (sollen), Programme zu verbessern, ihren Nutzen zu steigern und die Menschen zu stärken" ist unbestritten - nur wie soll ihr Nutzen gesteigert werden, wenn über die Wirksamkeit nichts genaues bekannt ist?

Der DeGEval ist zuzustimmen, dass "Vorstellungen von schlichten und unproblematischen Wirkungsevaluationen" unrealistisch sind. Gute Wirkungsevalutionen sind in der Tat multimethodisch angelegt, verbinden die Messung von Outcomes mit prozessbegleitenden "Rückkopplungsschleifen". Richtig ist auch, dass nicht das Messbare den Maßstab für Entscheidungen abgeben sollte, sondern das gesellschaftlich Wichtige. Nur: das Wichtige (möglichst angemessen) messbar zu machen, ist dann die Aufgabe von Evaluationsforschung und nicht das Lamento über die Einforderung von Wirksamkeitsnachweisen.

 

16.07.2013

Stockholm Kriminologie Symposium 2013

Das "Stockholm Kriminologie Symposium" (10.-12. Juni 2013) war dieses Jahr thematisch viel stärker von Präventionsthemen geprägt als in den Jahren zuvor. Dies hat wohl viel mit dem aktuellen Träger des dort verliehenen Stockholm Preises für Kriminologie, David P. Farrington, zu tun. Dass David Farrington - wohlverdient - den inoffiziellen Nobelpreis für Kriminologie erhält, war für viele mit Präventionsforschung beschäftigte Wissenschaftler und Praktiker ein Grund mehr, nach Stockholm zu reisen - mich eingeschlossen.

Nach einer eher schwachen Eingangsveranstaltung mit vielen Allgemeinplätzen wurde der Forschungsstand v.a. in den Bereichen präsentiert und diskutiert, für die der Preisträger oftmals fachliche Meilensteine beigetragen hat, also Längsschnittforschung über kriminelle "Karrieren", sowie Meta-Analysen und systematische Reviews über effektive Präventionsansätze.      

Farringtons Preisrede fasste nicht nur sein Lebenswerk zusammen, sondern skizzierte in komprimierter Form  die zentralen Kernbestandteile einer Agenda für frühe, entwicklungsorientierte (Kriminal-)Prävention: Unter dem Titel "Saving Children from a Life of Crime: The Benefits Greatly Outweighs the Costs!" beschrieb er folgende Eckpunkte:

1. Prävention bezieht sich auf empirisch ermittelbare Risiko- und Schutzfaktoren (für spätere Straftaten)  in der sozialen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen und wirkt mit geeigneten Maßnahmen den Risikofaktoren entgegen und stärkt die Schutzfaktoren.

2. Wirksame Programme mit einer präventiven Wirkung in dem beschriebenen Sinne sind entwickelt, sowie evaluiert worden und für die Praxis verfügbar. 

3. Die wirksamen Programme sind auch kosten-effektiv, d.h. die Einsparungen aufgrund verringerter Kriminalität sind höher als die Ausgaben für effektive Programme. Es sind Modelle verfügbar, die Cost-Benefit Analysen für Entscheider auf der staatlichen Ebene transparent machen können (siehe WSIPP).

4. Es bedarf einer nationalen Gesamtstrategie, um die bestehenden Einzelmaßnahmen in der Prävention sinnvoll miteinander zu verknüpfen. Für die lokale Ebene kann Communities That Care - CTC eine geeignete Rahmenstrategie abgeben. Auf der nationalen Ebene sollte eine Agentur zuständig sein für:

- kontinuierliche Finanzierung von Präventionsprogrammen
- Beratung und Unterstützung für lokale Umsetzer
- Monitoring der Qualität von Programmen
- Standards für Evaluationsforschung
- Training / Fortbildung in Präventionswissenschaft
- Formulierung einer nationalen Präventionsagenda, Koordinierung der Ansätze verschiedener Ministerien
- Erfassung der bestehenden Evaluationsstudien
- Beratung von Politik und Verwaltung über effektive Präventionsprogramme

Farrington schloss den Vortrag mit einigen Empfehlungen für künftige Forschungsschwerpunkte und politischen Schlussfolgerungen: "The time is ripe to implement a national strategy of early interventions in all countries".      

12.07.2013

Neues zur "Roten Liste Prävention"

Auf dem 18. Deutschen Präventionstag in Bielefeld habe ich unter dem Titel "Brauchen wir eine 'Rote Liste Prävention'? Was empfiehlt sich nicht in der Prävention?" Forschungsergebnisse zu unwirksamen oder gar schädlichen Präventionsmaßnahmen vorgestellt. Anneke Bühler vom IFT München hat aus Sicht der Suchtprävention ergänzende Studienergebnisse eingebracht. Wir wollten damit den Ansatz der Empfehlung positiv evaluierter Programme ("Grüne Liste Prävention") um den Aspekt der Vermeidung zweifelhafter Maßnahmen ergänzen. Ein offensichtliches Problem dabei ist die Tatsache, dass Berichte über wirkungslose Ansätze selten publiziert werden.

Eine interessante aktuelle Veröffentlichung zu diesem Thema möchte ich deshalb hier nachtragen: In der ZJJ Ausgabe 1/2013 ist der Artikel "Rückfallergebnisse eines gruppenorientierten Antigewaltstrainings in der Bewährungshilfe - Befunde aus Österreich" von Helmut Hirtenlehner und Irene Hiebinger zu finden. Die Autoren berichten dort von den Ergebnissen einer Evaluation eines Antigewaltrainings (AGT) für Gewaltstraftäter, das in Österreich nach dem Vorbild deutscher Ansätze wie dem Anti-Aggressivitäts-Training von J. Weidner entwickelt wurde. Zum Einsatz kam bei der Evaluation in Österreich ein "quasi-experimentelles" Untersuchungsdesign, d.h. die Aufteilung auf Untersuchungsgruppe und Kontrollgruppe (der nicht am Training teilnehmenden Straftäter) wurde nicht zufällig ("randomisiertes Kontrollgruppendesign") vorgenommen. Um möglichen Verzerrungen entgegen zu wirken, wurde deshalb ein sehr aufwendiges, in der Forschung noch recht junges Verfahren gewählt, das "Propensity Score Matching". Dahinter verbirgt sich eine recht ausgefuchste Methode, die Mitglieder der Kontrollgruppe möglichst gut in Bezug auf viele Faktoren zu den Teilnehmern an der Maßnahme zu "matchen" (sozialstatistische und problemlagenbezogene Faktoren etc.). 
Als Beurteilungskriterium für den Erfolg der Maßnahme wurde der Eintritt oder das Ausbleiben einer erneuten Verurteilung nach Abschluss der Maßnahme gewählt.

Um es vom Ergebnis her kurz zu machen: ein Beleg für einen Erfolg der Maßnahme im Vergleich zur Kontrollgruppe konnte nicht gefunden werden. Die Teilnehmer am Trainingsprogramm haben keine niedrigeren Wiederverurteilungsraten als die Kontrollgruppe. Damit befindet sich diese Untersuchung im Einklang mit den (von der Anzahl her leider spärlichen) anderen methodisch kontrollierten Untersuchungen zu Anti-Gewalttrainings im deutschen Sprachraum. 

Die Autoren weisen in ihrer Interpretation der Ergebnisse sehr wohlwollend darauf hin, dass die Kontrollgruppe nicht "unbehandelt" war, sondern deren Mitglieder durch die Bewährungshilfe eine Unterstützung gefunden hatten. Die Evaluation belege also nicht die Unwirksamkeit des AGT an sich, sondern zeige, dass sie einer regulär erfolgenden Bewährungshilfe nichts an Wirkung hinzufüge. Diese Relativierung ist aus forschungsethischer Perspektive sicher angebracht, eine notwendige präventionspolitische Debatte über die Sinnhaftigkeit einzelner Maßnahmen ersetzt sie nicht.

 

26.06.2013

CTC Evaluation: Follow-up nach drei Jahren

Hier kommt der vorerst letzte Eintrag von der Jahrestagung der SPR. Zu einem späteren Zeitpunkt habe ich vor, weitere Vorträge aufzugreifen.
Ein fester Bestandteil dieser Tagung ist der jährliche Forschrittsbericht in Bezug auf die Evaluation von Communities That Care - CTC in den USA. Die "Community Youth Development Study - CYDS" ist eine Studie, die den praktischen Gegenbeweis zu der oft geäußerten Meinung antritt, dass Evaluationen mit Kontrollgruppen (und gar noch randomisiert, d.h. die Zuteilung in Intervention und Kontrollbedingung erfolgt nach dem Zufallsprinzip) auf der Ebene ganzer Kommunen nicht machbar / zu aufwendig wären. 
Im Rahmen der CYDS wurden 24 Kommunen in 7 Staaten der USA ausgewählt, zu möglichst ähnlichen Paaren zusammengestellt und zufällig danach aufgeteilt, ob sie CTC umsetzen oder Prävention "as usual" betreiben. Knapp 4.500 Jugendliche aus den 24 Kommunen wurden zu Beginn der Studie als 5.Klässler ausgewählt und seitdem im Längschnitt befragt. Schon als 8.Klässler zeigten die Jugendlichen aus den CTC - Kommunen bis zu einem Drittel geringere Belastungen mit Gewalt, Alkohol- und Tabakkonsum. 
Auf der diesjährigen Tagung wurden die Ergebnisse präsentiert, als die Jugendlichen am Ende der 12. Klasse waren, drei Jahre nach dem die Begleitung der Kommunen durch die Wissenschaftler der Social Development Research Group geendet hatte. Die ursprünglichen Unterschiede in Bezug auf den Beginn mit Problemverhaltensweisen haben sich erhalten, wenn auch wesentlich geringer ausgeprägt. Da keine Programme in der Altersgruppe 10.-12.Klasse eingeführt wurden, spricht dies dafür, auch in dieser Altergruppe weiter tätig zu bleiben, führte Sabrina Oesterle in ihrer Präsentation aus..
Margaret Kuklinski stellte die Ergebnisse einer ökonomischen Analyse vor: Auf der Basis der Auswertung einer ganzen Reihe von Rahmendaten (von der Arbeitslosigkeit bis zur Entwicklung der Grundstückpreise) wurde untersucht, ob die Wirtschaftkrise in den USA die ausgewählten Kommunen unterschiedlich beinflusst hat und die Unterschiede bei den Jugendlichen auch so erklärt werden können. Dies war nicht der Fall. Hinweise gab es aber dafür, dass die CTC-Kommunen "resilienter" gegenüber der ökonomischen Abwärtsentwicklung waren, d.h. gleiche Belastungen (z.B. mit höherer Arbeitslosigkeit) haben sich in den Kontrollkommunen negativer ausgewirkt. Erst bei sehr hoher Arbeitslosigkeit konnten keine Unterschiede mehr bei der Auswirkung gefunden werden.
Wie können die Unterschiede zwischen den Interventions- und Kontrollkommunen erklärt werden? Ric Brown stellte die Ergebnisse einer Analyse von "Mediator"-Effekten vor. Grundlage dafür sind Interviews mit 10-12 Schlüsselpersonen pro Kommune, die regelmäßig über ihre Problemwahrnehmungen, die Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure, die Unterstützung der Kommune für Prävention etc. befragt werden. Das Ausmaß der Aneignung des CTC-Modells durch die lokalen Akteure kann die Unterschiede bei den Jugendlichen sehr gut erklären (technisch gesprochen: das Ausmaß der Übernahme des CTC-Modells kann 96% der Varianz bei den Ergebnissen erklären).

 
 

25.06.2013

Über nicht bestätigte Vorurteile

Weiter geht es mit Berichten von der diesjährigen Jahrestagung der Society of Prevention Research SPR in San Francisco. Es gibt Momente, in denen man sich richtig darüber freuen kann, dass bestimmte Vorurteile nicht bestätigt werden. Das Bild von einer auf stark auf individuelle Faktoren in der empirischen Forschung ausgerichteten (Präventions-)wissenschaft aus Nordamerika wurde erschüttert, wenn man die erste Plenarsitzung besuchte. Thema waren die Gesundheitsdeterminaten, die in der sozialen Umwelt zu finden sind. Im europäischen Kontext nicht so überraschend, für den US-Kontext schon eher, waren die Daten und Analysen von S. Leonard Syme und Sandro Galea über den Zusammenhang von soziale Status / Ungleichheit, Armut, Benachteiligung und Gesundheit. So klaffen allein unter "weißen" Männern in den USA je nach Region 10 - 15 Jahre Unterschied in der durchschnittlichen Lebenserwartung (Galea), da sind die Unterschiede von Geschlecht und Minoritätenstatus noch gar nicht drin. In dieser Session wurde ein starkes Pladoyer für eine Präventionspolitik gehalten, die nicht auf einen Wandel in den individuellen Verhaltensweisen setzt (mehr bewegen - gesünder essen...), sondern die strukturellen Benachteiligungsfaktoren in den Blick nimmt. Leider blieben die Referenten etwas blaß beim skizzieren der konkreten politischen Schritte dahin.
Abgerundet wurde die Session durch einen Vortrag von Margarita Alegria, die einen Vergleich von Jugendlichen aus Puerto Rico zu migrierten Jugendlichen aus Puerto Rico in der New Yorker Bronx präsentierte: trotz größerer Armut in Puerto Rico hatten die Jugendlichen in New York eine höhere Belastung mit Depressionen im klinischen Niveau aufgrund von erfahrener Diskriminierung und Konflikten in der Familie: ein Argument dafür, dass Konzept der sozialen Position breiter als die rein ökonomische soziale Lage zu denken. 

24.06.2013

Internationale Vernetzung in der Prävention

Ein Bestandteil der Jahrestagung der "Society for Prevention Research" (siehe Blog vom 20.06.2013) ist das "International Networking Forum", das gezielt die länderübergreifende Kooperation in der Präventionsforschung voranbringen möchte. Einen der dort diskutierten Ansätze möchte ich hier kurz vorstellen:
Jeff Lee von der international aktiven Mentor Stiftung stellte deren neueste Initiative vor: am 26.06.soll das Portal "Prevention Hub" freigeschaltet werden - eine Plattform zur internationalen Vernetzung von in der Prävention Aktiven - in Bereich Forschung, Wissenschaft, als auch im Bereich der Programme und der Strategien / Policies. Es besteht die Möglichkeit, sich selbst in der Abteilung "Who is Who?" einzutragen und dort nach möglichen Kooperationspartnern in verschiedenen Feldern zu suchen - eine Idee, die davon lebt, dass sie von vielen aktiv genutzt wird. 
 

21.06.2013

Neues aus Pennsylvania - dem Musterstaat der Prävention

Im Rahmen der Jahrestagung der "Society for Prevention Research" (siehe Blog vom 20.06.2013) findet auch das jährliche internationale "Communities That Care - CTC" - Treffen statt. CTC ist ein wissenschaftsbasierter strategischer Planungsansatz für Prävention auf kommunaler Ebene. Zu diesem Treffen kommen Kolleg/innen u.a. aus Australien, Großbritannien, Kroatien, Niederlande, Schweden, USA, neuerdings auch aus Kolumbien und Indien.
Stets ein Highlight dieses Treffens ist der Bericht aus Pennsylvania. In Pennsylvania wurden Strukturen etabliert, die mir zukunftsweisend für die Organisation der Prävention auf der Ebene eines (Bundes-)Landes erscheinen: z.B. bezieht sich die Landesförderung explizit auf die wirkungsüberprüften Programme der Blueprint - Initiative, CTC wurde flächendeckend in ca. 100 Kommunen eingerichtet, es existiert eine permanente Begleitforschung und Evaluation, die Aktivitäten auf der kommunalen Ebene werden systematisch vom "Evidence-based Prevention and Intervention Center" EPISCenter unterstützt.

Brian Bumbarger, der Direktor des EPISCenter, berichtete auf dem internationalen CTC-Treffen u.a. von der neuesten Innovation der CTC - Begleitforschung. So können jetzt die beteiligten Akteure während eines Treffens die präsentierten Evaluationsfragen anonym beantworten (mit "Clickers") - und die Ergebnisse werden auch in Echtzeit während des Treffens angezeigt und können gleich in der Gruppe diskutiert werden!

Auf der mehr strukturellen Ebene gibt es auch interessantes zu berichten: So wurde zu Beginn des Jahres eine Jugendarrestanstalt geschlossen und die eingesparten 10 Mio.$ werden in evaluierte Präventions- und Behandlungsprogramme für Risikojugendliche und jugendliche Straffällige investiert. Möglich wurde dies durch die Beteiligung von Pennsylvania an der "Justice Reinvestment Initiative".Dahinter verbirgt sich eine innovative Methode, Ressourcen von der Finanzierung der kostenintensiven Inhaftierung auf die weniger kostenintensive Prävention, sowie Behandlung und Resozialisierung von Straftätern zu verlagern. Dies geschieht durch die systematische Analyse der Kostenstrukturen und die schrittweise Umschichtung der Ressourcen. Ein sehr spannender Ansatz, über den ich zu einem späteren Zeitpunkt einmal ausführlicher berichten möchte.               

20.06.2013

Besuch im "Mekka" der Präventionswissenschaft

Die "Society for Prevention Research" (SPR) hat ihre 21. Jahrestagung am 28.-31. Mai 2013 abgehalten, diesmal in San Francisco, Californien. "Prevention-Science" im Sinne der SPR ist ein m.E. hierzulande bisher zu wenig beachtetes Konzept, Prävention quer zu den klassischen Fachdisziplinen zu denken und zu erforschen - hier kommen Forscher/innen aus den Bereichen Drogen-, Alkohol-, Sucht-, Gewalt-, Kriminal-, Übergewicht-, seelische Erkrankungs- usw. usf. -Prävention zusammen, um die neuesten Forschungsergebnisse auszutauschen und zu diskutieren. Der Einzugsbereich der SPR ist weltweit, allerdings kommt die überwiegende Anzahl der Teilnehmer aus den USA. Ca. 800 Mitglieder hat die SPR, auf der diesjährigen Jahrestagung gab es die unüberschaubare Anzahl von 570 (Vortrags- und Poster-) Präsentationen. Für mich war es die insgesamt vierte Gelegenheit bei der SPR-Jahrestagung dabei zu sein. Für das DPT-Institut werde ich in lockerer Folge im Rahmen dieses Blogs über meine Eindrücke und Erkenntnisse von der Konferenz berichten. 
Eine Grundtendenz kann ich verallgemeinernd hier schon beschreiben: der inhaltliche Trend in Richtung "Implementationsforschung" ist nicht zu übersehen. Ging es früher -neben der Grundlagenforschung- hauptsächlich um die Entwicklung und Evaluierung effektiver Präventionsprogramme, steht mittlerweile die Frage, wie effektive Programme in der Fläche verbreitet und mit Qualität umgesetzt werden können, im Vordergrund. Diese Forschungsrichtung (etwas technisch als "Type 2 Translational Research" bezeichnet), und ihre Herausforderungen für die Zukunft, wurden kürzlich von einer SPR-Arbeitsgruppe in einem sehr lesenswerten Grundsatzpapier zusammengefasst.