Aus dem Jahr:

dpti-Blog

Präventionsforschung entwickelt sich derzeit in einem rasanten Tempo. Das DPT-Institut hat diesen Blog eingerichtet, als einen Ansatz, um mit der Entwicklung besser Schritt zu halten und Informationen schneller verbreiten zu können. Das dpti hat Frederick Groeger-Roth vom Landespräventionsrat Niedersachsen beauftragt, seine Eindrücke und Erkenntnisse aus Tagungen und Forschungsberichten im Blog mitzuteilen - mit der Perspektive: welche Konsequenzen für die Präventionspraxis lassen sich hieraus formulieren?



24.07.2015

Ist die Lücke zu schließen? „Bridging the Gap” zwischen Präventionsforschung und Praxis. Hilfesysteme zur Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in die gesellschaftliche Praxis

Hier geht es weiter mit dem Bericht von der "Global Implementation Conference" in Dublin von unserer Gastautorin Angelika Franke. Sie geht vertieft auf einzelne Beiträge während der Konferenz ein. Im Mittelpunkt stehen die Vorträge, die sich damit beschäftigten, wie die Praxis bei der Umsetzung (Implementation) von Präventionsmaßnahmen und -Programmen unterstützt werden kann, so dass eine hohe Qualität der Umsetzung gewährleistet werden kann: 

Es ist davon auszugehen, dass eine hohe Qualität von Implementierungsprozessen die Ergebnisse von Präventionsmaßnahmen oder -programmen um das Zwei- bis Dreifache steigern kann und Maßnahmen unter Idealbedingungen sogar einen 12fach verstärkten Effekt zeigen können (Durlak & DuPre, 2008). Daher können wirkungsvolle Hilfesysteme zur Unterstützung von Implementierungsprozessen von zentraler Bedeutung sein.

Implementierungskonzepte oder -modelle (Hilfesysteme) beschreiben einzelne Schritte, sowie zentrale Eigenschaften und typische Herausforderungen, die mit der Umsetzung von wissenschaftlich untermauerten Interventionen verbunden sind (Aarons et al., 2011; Meyers et al., 2012; Fixsen et al. 2005). Sie können vor allem Praktikern, die mit Implementierungsprozessen arbeiten, verbindliche Richtlinien oder Hilfswerkzeuge liefern, damit sie den eigenen Implementierungsprozess verstehen und steuern können.

Im Rahmen der Global Implementation Conference 2015 (GIC2015), sind Modelle für Hilfesysteme vorgestellt worden, die bereits praktische Relevanz erlangt haben. Insbesondere interessant sind hier u.a. Implementierungskonzepte von Abraham Wandersman. Sein Interesse ist es, Organisationen, die nicht mit evidenzbasierten Programmen arbeiten, zu mehr Evidenz und besserer Implementierung von Programmen zu verhelfen. Des Weiteren soll hier das Unterstützungssystem SIC (Stages of Implementation Completion), von Dr. Lisa Saldana vom Oregon Social Learning Center vorgestellt werden.

Abraham Wandersman ist Professor am Institut für Psychologie der Universität von South Carolina und hat sich eingehend mit der „Kluft“ zwischen Forschung und Praxis beschäftigt (siehe dazu auch "Wegweiser Prävention"). Seine Arbeit basiert auf drei verschiedenen Konzepten, die miteinander in Beziehung stehen, sich ergänzen und zusammen wirken:

· Dem ISF Konzept „Integrated Systems Framework“, das systemische Rahmenbedingungen beschreibt, um Implementierungsprozesse optimal durchführen zu können.

· Dem EBSIS Konzept „Evidenzbasiertes System für Innovationssupport“, das zentrale Aktivitäten des ISF Hilfesystems und deren wesentliche Bedeutung für den Implementationsprozess beschreibt: Entwicklung von Tools (z.B. Manuale, Checklisten, Handbücher), das Anbieten von Training (z.B. zum richtigen Umgang mit den Tools), eine technisch-methodische Unterstützung (z.B. individuelles Coaching) und fortlaufende Qualitätssicherung und -verbesserung (Verbesserungsbedarf erkennen und kontinuierliche Verbesserung).

 · Dem „Getting to Outcomes“ oder GTO Konzept (siehe dazu auch rand-projects-getting-to-outcomes), das aus einem Fragenkatalog zur systematischen Planung und Durchführung von Implementierungsprozessen besteht und Organisationen dabei unterstützen soll, Innovationen mit hoher Qualität zu implementieren und die für Zielgruppen gewünschten Ergebnisse zu erreichen.

Darüber hinaus liefert Wandersman eine Formel für Implementierungsbereitschaft (Readiness) R=MC2. Gemäß dieser Formel setzt sich Implementierungsbereitschaft (R) aus der Multiplikation von Motivation mit allgemeiner organisatorischer Kapazität (C) und innovationsspezifischer Kapazität (C) zusammen.

Motivation (M) definiert er als positive (und negative) Anreize, eine bestimmte Innovation zu nutzen und als Haltung zur Innovation, innerhalb und außerhalb der Organisation.

Allgemeine organisatorische Kapazitäten (C) sind die notwendigen Aktivitäten für den Erhalt einer funktionierenden Organisation: z.B. die Möglichkeit Mitarbeiter einzustellen, Leitungsarbeit, verwaltungstechnische Unterstützung etc.

Innovationsspezifische Kapazitäten (C) werden in Abhängigkeit von der Innovation für eine konkrete Implementierung betrachtet und beinhalten menschliche, technische und ökonomische Bedingungen, die eine Innovation an die implementierende Organisation stellt und von Innovation zu Innovation variieren können.

Mit anderen Worten, die Entwicklung und Aufrechterhaltung von ausreichend Motivation, allgemeiner organisatorischer Kapazität und innovationsspezifischer Kapazität ist unbedingt notwendig, um die organisatorische Implementierungsbereitschaft zu sichern und eine Innovation nachhaltig zu implementieren.

Nun möchte ich ein Hilfesystem beleuchten, das Dr. Lisa Saldana im Rahmen ihrer Keynote vorgestellt hat: das SIC -System (Stages of Implementation Completion).

Grundlegend gilt es erst einmal festzustellen, das in der Forschung ein Konsens darüber besteht, dass Implementation ein rekursiver Prozess mit klar definierten Phasen ist, die nicht unbedingt linear verlaufen und sich gegenseitig auf vielfältige Weise beeinflussen (Blasé, Fixsen, Duda, Metz, Naoom, Van Dyke, 2010). Entwickler oder Anbieter von Programmen sind in der Regel dabei behilflich, dass in jeder Durchführungsphase der Implementation Programmelemente in der beabsichtigten Weise umgesetzt werden. Forscher haben Methoden zur Messung der wichtigsten Prozesse und Phasen der Umsetzung von evidenz-basierten Programmen und zur Beurteilung der Genauigkeit der Implementierung (fidelity) entwickelt (siehe hierzu auch „Implementation Research: A Synthesis of the Literature“).

Die Verfügbarkeit eines klar definierten Implementierungssystems und das Wissen über den typischen Verlauf von Implementierungphasen erhöht jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass Programmanbieter wertvolle Informationen zur Durchführung der ersten Phasen eines Programms liefern können und damit eine erfolgreiche Umsetzung in den späteren Phasen begünstigen können (Fixsen et al., 2005). Insbesondere kann es wichtig sein, dass Institutionen ein Feedback bezüglich ihres Fortschritts während der ersten Durchführungsphase erhalten, damit sie entscheiden können, ob sie mit der Programmumsetzung wie geplant fortfahren, oder ob ihr derzeitiger Umsetzungsplan nicht realisierbar ist. Das ist insbesondere ein wichtiger Gesichtspunkt, da es um den Einsatz von (menschlichem) Kapital und Ressourcen geht.

Doch oftmals fehlen sowohl Assessment–Tools zur Bestimmung der notwendigen Schritte bzw. Phasen einer erfolgreichen Implementation, als auch Daten darüber, wie Programme die wichtigsten Schritte bzw. Phasen erfolgreich durchlaufen können.

Um diese Lücke zu schließen, wurde das SIC-System (Stages of Implementation Completion), ein 8-Stufen-Assessment-Tool (Chamberlain und Brown, 2010) als Teil einer großen randomisierten Studie zur Umsetzung des Programms Multidimensional Treatment Foster Care (MTFC) in Kalifornien und Ohio entwickelt. SIC ist ein 8-Stufenmodell zur Durchführung der Implementation. Es wird als Tool zur Beschreibung und Begleitung der unterschiedlichen Phasen des Implementationsprozesses genutzt und besteht aus drei Implementierungsphasen (Pre-Implementierung, Implementierung und Nachhaltigkeit).

In Anlehnung an Blasé und Fixsen beschreibt jede der acht Stufen wesentliche Kernkomponenten und Meilensteine, die zur erfolgreichen Umsetzung von Programmen  notwendig sind  (z.B. Readiness, Fidelity, Durchführung von Trainings, etc.) und Aktivitäten und spezifische Aufgaben, die innerhalb jeder Phase erforderlich sind. Darüber hinaus misst und überwacht SIC den Abschluss der Umsetzungsaktivitäten innerhalb jeder Phase, ebenso wie die Dauer zur Durchführung dieser Aktivitäten.

Abschließend bleibt festzustellen, dass das SIC-System ein sich wiederholender Prozess ist, der sowohl Programmentwickler und Programmumsetzter mit einbezieht; rückblickend und vorausschauend Daten erhebt; überprüft, ob die Adoption eines Programms an die Bedingungen vor Ort angepasst ist; den Nutzen einer Maßnahme bewertet und erfolgreiche Implementationsstrategien zurückmeldet, um die bestehende Praxis zu verändern.

Dieses Tool ist in der Praxis speziell an evidenzbasierte Praktiken angepasst worden und hat sich bereits zu einem "universellen" Werkzeug entwickelt, das zum Monitoring der Umsetzung von allgemeinen Implementationsstrategien eingesetzt wird.

01.07.2015

Implementation for Impact. Die wirkungsvolle Umsetzung von Programmen und Maßnahmen

Wir haben uns in diesem Blog schon mehrfach mit dem Thema der "Implementierung", der Umsetzung von Programmen und Maßnahmen, beschäftigt. Die Präventionsforschung wird mehr und mehr von der Erkenntnis geprägt, dass eine gute Umsetzung einen zentralen Aspekt der Wirksamkeit von Präventionsmaßnahmen darstellt (siehe dazu auch den "Wegweiser Prävention").

Mit diesem Thema beschäftigt sich auch der folgende Gastbeitrag von Angelika Franke, die im Auftrag des DPT-Institutes an der diesjährigen "Global Imlpementation Conference" teilgenommen hat:    

Wie kann eine effektive Implementierung entscheidend dazu beitragen, gesellschaftlich bedeutsame Ergebnisse für die Nutzer von sozialen Dienstleistungen zu produzieren? Welche Kapazitäten sind dazu erforderlich und wie können diese aufgebaut werden? Welche Art von kollaborativer Planung bzw. welche Maßnahmen können Implementationsprozesse stärken? „Implementation for Impact“ war das Thema der 3. biennalen Global Implementation Conference (GIC2015), die in diesem Jahr zum ersten Mal außerhalb der USA in Dublin stattfand.

Die Konferenz wurde am 26. Mai 2015 im Rahmen einer Pre-Konferenz Akademie am Trinity College in Dublin eröffnet und bot den Teilnehmern die Möglichkeit zur intensiven Auseinandersetzung mit verschiedenen Aspekten von Implementation in von Experten angeleiteten Workshops. Die Haupt-Konferenz mit mehr als 470 Delegierten aus 25 verschiedenen Ländern, fand am 27. und 28. Mai im Kongresszentrum von Dublin statt: Einem imposanten Gebäude im Hafen von Dublin und einem idealen Ort für eine derartige Veranstaltung. Unter den Teilnehmenden war eine Vielzahl von Praktikern, politischen Entscheidungsträgern, Service-Managern, Organisationsleitern und Forschern aus Europa, Nordamerika, Australien und aus Niedrig- und Mittellohn-Ländern.

Die Konferenz bot ein ideales Forum, um zu Netzwerken, Wissen auszutauschen und von den Erfahrungen der Anderen zu lernen und zu profitieren. Während sich die GIC2011 sich auf das "Was" der Implementation und GIC2013 auf das "Wie" der Implementation konzentrierte, fokussierte die GIC2015 in Dublin auf die "Wirkung" von Implementation. Zur perfekten individuellen Planung der Konferenz konnte jeder Teilnehmer eine Conference-App downloaden (guidebook), die speziell für die GIC2015 entwickelt worden ist und sehr hilfreich war.

Durch eine Kombination aus Keynotes und Breakout-Sessions konnten die Teilnehmer in  Form von Flash- und Posterpräsentationen aktuelle Informationen über Implementationswissenschaft -konzepte und -praxis erfahren und damit verknüpfte Konsequenzen für Politik, Dienstleistungen, Praxis und Forschung. Diskussionsthemen waren u.a. die notwendige Infrastruktur, die Entwicklung gemeinsamer Messsysteme, Kommunikation und Wissenserfassung, um im Rahmen der Implementation nachhaltige soziale Auswirkungen und langfristige positive Ergebnisse  zu erreichen. Und natürlich die regionale, nationale und internationale Zusammenarbeit.

Zu den Hauptrednern gehörten Bryan Weiner, Professor in der Abteilung für Gesundheitspolitik an der Universität von North Carolina; Stephen Brien, Direktor am Social Finance in Großbritannien; und Lisa Saldana vom Oregon Social Learning Center. Alle Referenten verfügten über eine große Bandbreite von Implementationskompetenz, brachten Erkenntnisse aus ihrer Arbeit in Forschung und Praxis mit ein und versuchten neue Perspektiven aufzuzeigen.

Einen kleinen Wermuttropfen stellte allerdings die Vielzahl von parallel stattfindenden Präsentationen dar, die eine Entscheidung manchmal schwer machte.

Im Rahmen der Konferenz fand auch die Gründungsveranstaltung der europäischen Implementation Collaborative (EIC) statt. Für all diejenigen, die nicht an der Veranstaltung teilnehmen konnten, bietet sich die Möglichkeit via livestream dabei zu sein. Die EIC will  Informationsaustausch und Networking in Europa und weltweit zum Thema Implementations-Wissenschaft und -Praxis fördern und präsentiert sich ab sofort mit einer neuen Webseite und einer Vielzahl von Online-Ressourcen, um Praktiker und politische Entscheidungsträger in ganz Europa zu unterstützen.

Abschließend bleibt zu sagen, dass die Implementationswissenschaft noch ein junges Feld ist, das sich ständig weiterentwickelt. Implementationswissenschaft kann dabei helfen zu verstehen, dass  Implementation ein Prozess ist, der Zeit braucht und bestimmte Bedingungen und Aktivitäten für eine effektive Implementation vorhanden sein müssen. Und ich schließe in Anlehnung an den Leiter der die Konferenz tragenden Initiative, Dean Fixsen: “Es braucht nicht nur gute Programme, sondern vor allem deren effektive Umsetzung führt zu besseren Ergebnissen“.

18.06.2014

Programme oder Prinzipien?

Weiter geht es mit dem Bericht von der 22. Jahrestagung der Society for Prevention Research SPR. Eine Fragestellung, die in der deutschen Diskussion immer wieder aufflackert, beschäftigt auch die us-amerikanische Szene: Sind eigentlich Präventionsprogramme – mit einem „Markennamen“ und einer Vertriebsstrategie versehen – der Königsweg in der praktischen Umsetzung der Ergebnisse der Präventionsforschung? Oder sollte es nicht eher um die Verbreitung der den Programmen zugrundeliegenden Prinzipien und Basisannahmen gehen, die der Praxis dann eine Richtschnur für die Weiterentwicklung der vorhandenen Präventionsangebote geben? Angesichts des sich auch in Deutschland weiter entwickelnden „Marktes“ der Präventionsprogramme ist es kein Wunder, dass wir auch hier verstärkt mit dieser Fragestellung konfrontiert sind.

Auf der SPR-Jahrestagung widmete sich ein Symposium diesem Thema, welches sehr prominent mit Fürsprechern der einen oder anderen Richtung besetzt war.

Del Elliott, der Begründer der Blueprint - Initiative, wurde als Fürsprecher der „Programm“ – Strategie eingeladen. Mit den Blueprints hat er eine der einflussreichsten Empfehlungslisten für die am besten evaluierten Präventionsprogramme entwickelt. Elliott argumentierte, dass die „Programm“- Strategie in den letzten Jahren recht erfolgreich gewesen sei, mehrere Staaten (u.a. Washington State, Florida) nutzen die Blueprints mittlerweile zur Identifizierung förderungswürdiger Programme. Die Vorteile der Strategie sieht er darin, dass es sich um „fertige“, bereits existierende manualisierte Handlungsansätze handelt, für die auch eine Unterstützung bei der Umsetzung vorhanden ist, die sich deshalb relativ schnell initialisieren lassen und die ein recht geringes Risiko des Scheiterns mit sich bringen (da sie schon auf Wirksamkeit getestet sind). Zudem sei der Bedarf an Weiterbildung für die umsetzenden Akteure geringer als bei einer Strategie, die auf Neuentwicklung vor Ort setzt. Die zentralen Herausforderungen für die „Markennamen-Programm-Strategie“ sieht Elliott vor allem darin, dass es lokale Widerstände gegen die Programme geben kann, wenn sie als Konkurrenz zu bestehenden Angeboten wahrgenommen werden, bzw. wenn Akteure bereits viel in das bestehende, nicht evaluierte Angebot investiert haben. Weiterhin: die vergleichsweise geringe Flexibilität in Bezug auf die Bedingungen vor Ort, Schwierigkeiten mit der nachhaltigen Verankerung der Programme vor Ort, die relativ hohen Kosten bei der ersten Einführung.

Als Fürsprecher der „Prinzipien“ – Strategie war Mark Lipsey von der Vanderbilt University angetreten, einer der führenden Meta-Analytiker von Evaluationsstudien in den USA. Lipsey wies darauf hin, dass die Evidenz-Basis für einzelne Programme relativ dünn ist, im Vergleich zur Gesamtmenge an Erkenntnissen, die für verschiedene Handlungsbereiche zur Verfügung stehen. Als Alternative zur Markennamen – Programm – Strategie wäre es möglich, „Typen“ von effektiven Ansätzen (z.B. Mentoring) und die Eigenschaften effektiver Ansätze zu beschreiben, um bestehende Angebote vor Ort weiter zu entwickeln. Vergleicht man Evaluationsstudien von vor Ort selbstentwickelten („homegrown“) Ansätzen mit Studien von manualisierten Programme, so findet Lipsey folgendes Bild: selbstentwickelte Ansätze können ebenso effektiv sein wie Markennamen-Programme, aber die Varianz der Ergebnisse ist größer. Das bedeutet, es gibt eine größere Anzahl von Studien, die weniger effektive oder gar nicht wirksame selbstentwickelte Maßnahmen identifizieren, als bei den Markennamen-Programmen, aber auch einige Studien, die über höhere Effektstärken bei den selbstentwickelten Praktiken berichten. Die Strategie besteht nun darin, die Eigenschaften der Maßnahmen am positiven oberen Ende zu analysieren. Auf diese Weise hat Lipsey für Programme aus dem Bereich der Behandlung von jugendlichen Straftätern ein Instrument, eine Art Checkliste, entwickelt (das „Standardized Program Evaluation Protocol“ SPEP), dass es erlauben soll, die Eigenschaften effektiver Maßnahmen bei der Weiterentwicklung lokaler Angebote zu Grunde zu legen. Dies wäre auch in anderen Bereichen möglich und hätte gegenüber der Programm-Verbreitung viele Vorteile, aber Lipsey schränkte seine Aussage auch gleich wieder etwas ein. Er betonte, dass für viele Programmtypen zu wenig über die tatsächlichen konkreten Erfolgsbedingungen bekannt wäre, dass für diese Strategie eine nötige Unterstützungsstruktur für lokale Anwender in der Regel nicht vorhanden sei und dass mit einer größeren Bandbreite an guten oder schlechten Ergebnissen als bei der Marken-Programm-Strategie zu rechnen sei. Auf Nachfrage aus dem Publikum, ob denn seine Weiterentwicklungsstrategie selbst wieder auf Wirksamkeit mit Kontrollgruppen untersucht sei, musste Lipsey dies auch verneinen.

Ein weiterer Redner war Brian Bumbarger vom EPIS-Center aus Pennsylvania. Über die vorbildhaften Initiativen aus Pennsylvania habe ich in meinem Blog-Eintrag vom 21.06.2013 bereits berichtet. Brian Bumbarger sollte die Perspektive der Praxis eines Staates in Bezug auf die oben geschilderte Auseinandersetzung darstellen. Er beschrieb die Situation in Pennsylvania als eine Fallstudie, die zeige, dass sich beide Ansätze in der Praxis gut miteinander vereinbaren lassen und sich nicht gegenseitig ausschließen. Pennsylvania war einer der ersten Staaten in den USA, welche die Blueprints adaptierten und die dort empfohlenen Programme systematisch fördern. Communities That Care wurde beinahe flächendeckend eingeführt, um die allgemeine Bereitschaft und Fähigkeit zur Einführung evaluierter Programme zu erhöhen. Gleichzeitig testet Pennsylvania derzeit als einer der ersten Staaten die SPEP – Methode in einem Modellversuch in fünf Standorten. Die Methode eigne sich vielleicht noch nicht, um sie in der Fläche einzusetzen (das Instrument und die begleitende Ausbildung müssten verbessert werden), aber SPEP führe sichtbar zu einer größeren Orientierung an Qualitätskriterien in der Praxis, meinte Bumbarger.

So ging diese Diskussion vielleicht nicht unbedingt aus wie das Hornberger Schießen. Aber deutlich wurde doch, dass es wohl nicht den Königsweg in der Verbreitung effektiver Praktiken gibt, sondern es um eine intelligente Verknüpfung der bestehenden Ansätze geht, bezogen auf die jeweiligen lokalen Ausgangsbedingungen.

06.06.2014

Jahrestagung Präventionsforschung Revisited

In meinen ersten Blog –Einträgen (vom 20.-26.06.2013) hatte ich über die letztjährige Tagung der internationalen Gesellschaft für Präventionsforschung (SPR) berichtet. Nun geht es weiter mit Eindrücken und Erkenntnissen der diesjährigen (22.) Tagung der „Society for Prevention Research“, die vom 27.-30. Mai 2014 in Washington, D.C. stattfand.
Das Motto lautete „Comprehensive and Coordinated Prevention Systems: Building Partnerships and Transcending Boundaries“. Insgesamt hatte die Tagung diesmal 491 Präsentationen (incl. Poster) zu bieten, die zahlreichen Vor- und Nebenevents nicht mitgezählt.
Der Trend der letzten Jahre hin zur Implementationsforschung setzte sich auch dieses Jahr weiter fort. Natürlich konnte man zahlreiche Sessions über Ursachsenforschung besuchen (z.B. über die intergenerationelle Weitergabe von aggressiven Verhaltensmustern - einige Längsschnittstudien rekrutieren tatsächlich schon die Kinder der ursprünglichen Untersuchungsteilnehmer) oder über Neuentwicklungen bei Präventionsprogrammen. Aber die Forschung über die Bedingungen der (guten) Umsetzung von Programmen nimmt deutlich immer mehr zu. In der Forschungsstatistik bahnt sich die Trendwende allerdings nur langsam an. Berichtet wurde, dass immer noch ca. 70% der (us-amerikanischen) Wirkungsforschung sich um die Effektivität von Programmen unter kontrollierten Idealbedingungen dreht („efficacy“), ca. 20% der Studien die Wirksamkeit unter den normalen Bedingungen im der Praxis untersuchen („effectiveness“) und nur weniger al 3% der Studien sich mit der Umsetzung von Programmen in der Fläche („large-scale dissemination“) beschäftigen.
„Large-Scale“ – Themen werden auch bei der in den USA ganz oben auf der Agenda in Praxis und Forschung stehenden Gesundheitsreform („Afffordable Care Act“ oder auch „Obamacare“) behandelt. Diese auf die Einführung der allgemeinen Krankenversicherung zu reduzieren (wie es auch hier in den Medien oft geschieht), ist eine Verkürzung. Von mehreren Rednern aus dem administrativen Sektor wurde darauf hingewiesen, dass die Reform auch mit der Einführung eines Nationalen Präventionsrates und dem Beschluss einer nationalen Präventionsstrategie verbunden ist. Dazu gehört weiterhin der Ansatz, einige evidenz-basierte Präventionsprogramme (z.B. Familienhebammen) breit in der Fläche umzusetzen. Berichtet wurde u.a. über Modelle, erzielte Kosteneinsparungen (z.B. bei Krankenhäusern) gezielt wieder in die kommunale Prävention zu reinvestieren.

Hier in Schlaglichtform einige auf der Tagung behandelte Aspekte der Implementationsforschung, die mir für die weitere Diskussion wichtig erscheinen:

  • Kulturelle Adaption von Programmen: der breitere Einsatz von Präventionsmaßnahmen bringt mit sich, dass die Zielgruppen diverser als in den ursprünglichen Evaluationsstudien werden. Dass Adaptionen an Normen und Werte unterschiedlicher Zielgruppen nötig sind, liegt nahe – aber wie weit kann man gehen, ohne das ursprünglich getestete Modell zu beschädigen?. Hier sind einige vielversprechende Forschungen z.B. mit der wachsenden Latino-Population in den USA durchgeführt worden, die kulturelle Adaptionen und Treue zum getesteten Modell in Einklang bringen können.
  • Lokale Entscheidungsträger und Netzwerke: Die Kolleg/innen der Social Development Research Group aus Seattle legten neue Ergebnisse (aus dem Kontext von "Communities That Care - CTC") über die Nachhaltigkeit von Trainings und Fortbildungen vor. Die zielgerichtete Entwicklung von Nachhaltigkeitskonzepten, die aktive Einbindung neuer und alter Mitglieder und die Unterstützung durch lokale Führungskräfte erwiesen sich als wichtiger für den langfristigen Erfolg als bspw. die finanzielle Ausstattung der Gremien.
  • Zeitpunkt und Dauer von Maßnahmen: eine groß angelegte Längsschnitt-Studie in Chicago über die Wirkungen der Förderung von frühkindlicher Bildung kommt bspw. zu dem Schluss, dass die Altersphase von 3 – 9 Jahren entscheidend ist. Hört eine Förderung in den ersten Jahren zu früh wieder auf, vergrößert sich bei der Gruppe mit niedrigem sozio-ökonomischen Status der Abstand zum Durchschnitt im späteren Alter wieder. Dauert die Förderung über den genannten Zeitraum an, sind die Ergebnisse viel stabiler. Eine wichtige Aussage auch in Bezug auf bundesdeutsche Diskussion um frühe Förderung.
  • Schulbasierte Prävention: die Forschung zur Verbreitung von Präventionsprogrammen im schulischen Kontext erkennt mehr und mehr auch hier die Bedingungsfaktoren für wirkungsvolle Prävention. Diese werden im Bereich des Schulklimas und v.a. auch des Klassenklimas erkannt: Die Ergebnisse von Programmen weisen nicht nur große Unterschiede zwischen einzelnen Schulen auf, sondern auch innerhalb einer Schule zwischen verschiedenen Klassen, bzw. Lehrpersonen. Unterschiedliche Coaching-Modelle für Lehrkräfte bei der Einführung von Präventionsprogrammen werden daher öfter untersucht. Das Ziel ist es dabei, Kernelemente für ein effektives Coaching zu ermitteln.

In meinem nächsten Blog gehe ich weiter auf die Jahrestagung der SPR ein.

08.05.2014

Der Stand der Präventionsforschung auf einen Blick

Präventionsforschung ist ein weites und breit verstreutes Feld. Über alle Facetten und Bereiche den Überblick zu behalten, ist kaum jemandem möglich. Zumindest für den Bereich der Prävention von Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen gibt es eine aktuelle Arbeit, die eine großartige Zusammenschau des derzeitigen Forschungsstandes bietet. 2009 hat das usamerikanische "Institute of Medicin" und der "National Research Council" einen Report mit dem Titel "Preventing Mental, Emotional, and Behavioral Disorders Among Young People: Progress and Possibilities" herausgebracht. Wer nur ein Buch über Prävention in seinem Leben lesen möchte - hier wäre meine Empfehlung dafür. Enthalten sind u.a. Kapitel über Risiko- und Schutzfaktoren, neurobiologische Forschung, Evaluation und Implementierung von Präventionsprogrammen, Kosten-Nutzen-Berechnungen, Weiterentwicklungen in Forschungsmethoden usw. Allerdings muss man sich auch mit 593 Seiten in englischer Sprache auseinandersetzen, was die Verbreitung doch sicher stark einschränkt.

Das dpt-i hat deshalb ein Projekt gestartet, um die Inhalte des IOM-Reports von 2009 auch für das bundesdeutsche Fachpublikum leichter zugänglich zu machen. Das dpt-i kooperiert zu diesem Zweck mit Dr. Harrie Jonkman vom Verwey-Jonker-Institut in den Niederlanden. Harrie Jonkman hat eine Kurzfassung des Reports in englischer Sprache angefertigt, diese Kurzfassung lässt das dpt-i derzeit in die deutsche Sprache übersetzen. Das Ergebnis wird in Kürze auf der Webseite des DPT eingestellt. Wir freuen uns, dass Harrie Jonkman auf dem 19. DPT in Karlsruhe (in deutscher Sprache) die wichtigsten Inhalte des IOM-Reports vorstellen und zur Diskussion stellen wird.

 

30.04.2014

Was wirkt in der Prävention von Substanzmissbrauch?

Wie in diesem Blog schon mehrfach diskutiert, ist die Beurteilung der Wirksamkeit von Maßnahmen eine der zentralen Aufgaben der Präventionsforschung und eine der wichtigsten Leistungen von wissenschaftlichen Anstrengungen für die Praxis. Die Frage, welche Angebote für welche Zielgruppen welche Wirkungen erzielen, ist aber nunmal leichter gestellt als beantwortet. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung BZgA hat bereits 2006 eine „Expertise zur Prävention des Substanzmissbrauches“ vorgelegt.
Nun liegt eine aktualisierte und erweiterte Neuauflage der Expertise vor.

Aufgenommen wurden in die Neuauflage Studien, die seit der Expertise von 2006 neu veröffentlicht worden sind. Um ein vollständiges Bild zu erhalten, ist es also sinnvoll, beide Expertisen zu berücksichtigen.

Der Ansatz der Expertisen besteht darin, eine „Beurteilung der Wirksamkeit existierender Maßnahmen zur Prävention des Substanzmissbrauchs anhand von qualitativ hochwertigen Übersichtsarbeiten wie Reviews und Meta-Analysen“ vorzunehmen. Also mit anderen Worten: wissenschaftliche Arbeiten, in denen systematisch die Ergebnisse von Wirksamkeitsstudien zusammengefasst werden, werden für die Expertise wiederum zusammenfassend ausgewertet. Der Vorteil dieser Vorgehensweise besteht darin, dass Aussagen mit einem höheren Allgemeinheitsgrad getroffen werden können, also z.B. „Alkoholpräventive Effekte von Familienprogrammen können langfristig sein“. Die Grenze dieser Vorgehensweise besteht darin, dass manche Aussagen auch auf diesem Allgemeinheitsgrad bleiben (müssen). Trotzdem sind manchmal z.B. immerhin Unterscheidungen über besonders günstige Altersstufen für bestimmte Maßnahmen möglich oder Aussagen über mögliche Unterschiede der Wirkungen von Maßnahmen auf Mädchen oder Jungen.

Die Ergebnisse der Autoren sind in vielerlei Hinsicht für die Präventionspraxis wichtig. Eine ganze Reihe von Ansätzen konnte als grundsätzlich wirksam identifiziert werden, in den Handlungsfeldern Familie, Schule, Freizeit, Medien, Gesundheitsversorgung, Kommune und gesetzliche Rahmenbedingungen. Auffällig bleibt trotzdem, wie oft die Autoren feststellen müssen, dass in den ausgewerteten Übersichtsarbeiten keine Studien enthalten sind, die im deutschen Sprachraum durchgeführt worden. Trotz der höheren Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse bleiben also Zweifel über die Übertragbarkeit, z.B. von Effekten von Alkohol - Werbeverboten auf das Konsumverhalten.

Nützlich fand ich das abschließende Diskussionskapitel, das sich auch mit der Einordnung der Ergebnisse beschäftigt und eine Verständigung über den Stellenwert der „Evidenzbasierung“ für die Praxis anregt. Den Autoren ist m.E. zuzustimmen, dass das „Wissen“ über Wirksamkeit nicht alleine zählt (und zählen sollte), sondern Entscheidungen über den Einsatz von Maßnahmen auch unter Berücksichtigung von Werthaltungen (z.B. über den Stellenwert von Verboten) und unter Berücksichtigung des jeweiligen Kontextes (vor Ort) laufen sollten.

Die aktualisierte Expertise zur Suchtprävention sollte in der Praxis und Wissenschaft breit diskutiert und beachtet werden. Die Ergebnisse sind, als Folge der Herangehensweise, notwendigerweise oft recht abstrakt. Zum Teil gibt die Forschungslage konkretere Aussagen nicht her, zum Teil verspricht m.E. ein vertiefter Blick auf die vorhandenen Einzelstudien im deutschsprachigen Raum darüber hinaus gehende Erkenntnisse.